Gottesdienst vom 01.08.2021 in Romanshorn

von

Audio Predigt

Info und Kontakte

Gottesdienstleitung: Meret Engel

Musik: Daniel Engeli

Mesmer: Edith Lengacher

Predigt als Text

Thema: Zwei ungewöhnliche Gastmahle

Predigttext: Mk 14, 3-9, Die Salbung in Betanien

Als er (Jesus) in Betanien im Haus Simons des Aussätzigen war und bei Tisch sass, kam eine Frau mit einem Alabastergefäss voll echten, kostbaren Nardenöls; sie zerbrach das Gefäss und goss es ihm über das Haupt.

Da wurden einige unwillig und sagten zueinander: Wozu geschah diese Verschwendung des Öls? Dieses Öl hätte man für mehr als dreihundert Denar verkaufen und den Erlös den Armen geben können. Und sie fuhren sie an.

Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bringt ihr sie in Verlegenheit? Sie hat eine schöne Tat an mir vollbracht. Arme habt ihr ja allezeit bei euch und könnt ihnen Gutes tun, sooft ihr wollt; mich aber habt ihr nicht allezeit. Was sie vermochte, hat sie getan. Sie hat meinen Leib im Voraus zum Begräbnis gesalbt. Amen, ich sage euch: Wo immer in der ganzen Welt das Evangelium verkündigt wird, da wird auch erzählt werden, was sie getan hat, zu ihrem Gedächtnis.

Predigt

Liebe Gemeinde

1571 wurde der italienische Maler Paolo Veronese beauftragt, ein Abendmahlsbild für das Kloster «San Giovanni e Paolo» in Venedig zu malen. Veronese schuf ein monumentales Werk von über 13 Metern Länge. Als das Bild aber im Kloster installiert werden sollte, wurde er vom «Heiligen Tribunal» des Markusdoms kritisch befragt. Denn auf dem Bild sind nicht nur die zwölf Jünger und Jesus zu sehen, sondern auch preussische Söldner, kleinwüchsige Menschen, farbige Menschen und eine Frau. Ob es ihm denn, so wurde er gefragt, «schicklich scheine, beim letzten Mahle des Herren, Narren, Betrunkene, Deutsche, Zwerge, und ähnliche Scheusslichkeiten zu malen?». Und weiter wollte man wissen, «ob wohl auch von irgendwem befohlen wurde, dass Ihr auf diesem Bild Deutsche, Narren und dergleichen darstellen solltet?“

Veronese wurde, soweit es mir bekannt ist, nur damit beauftragt, das letzte Abendmahl zu malen; wie er es ausgestalten würde, sah er als seine künstlerische Freiheit an. Und so antwortete er auch: „Nein, meine Herren, aber ich wurde beauftragt, das Bild nach meinem Belieben auszuschmücken, denn es ist gross und vermag viele Figuren zu fassen, so schien es mir.“ Schlussendlich konnte Veronese einer Anklage entgehen. Dies unter der Bedingung, dass er das Werk unter einen anderen Titel stellte. Seit daher handelt es sich bei diesem Bild nicht mehr um das letzte Abendmahl, als was es Veronese ja gemalt hat, sondern um das «Gastmahl im Hause Levi», welches im Lukasevangelium beschrieben wird.

Es ist eine spannende Geschichte, die hinter dem Bild steht, die auch theologisch interessant ist. Denn der Stein des Anstosses war, dass Veronese beim letzten Abendmahl nicht nur die Jünger gemalt hat, sondern auch allerlei «Gesindel»: Narren, Betrunkene, Deutsche und Zwerge. Eine Zwischenbemerkung: Dass die preussischen Söldner als «Gesindel» angesehen wurden, hing mit der von Deutschland ausgehenden Reformation zusammen, die den katholischen Glauben in Bedrängnis brachte. Dieser Vorwurf der «unwürdigen Gäste» wurde aber nicht nur Veronese, sondern über 1500 Jahre zuvor auch Jesus gemacht und zwar just beim Gastmahl des Levi: Dort sind es die Schriftgelehrten, die Jesus dafür kritisieren, mit Zöllnern und Sündern zu essen (Lk 5,30).

Die Zensurbehörde nimmt so ungewollt die Stellung der Pharisäer ein: Denn dass Veronese die Selbstverständlichkeit von Jesus, mit «Gesindel» zu essen auch noch auf das letzte Abendmahl ausweitete, das war dann doch zu viel. Denn dort, ja dort sassen gemäss der biblischen Überlieferung wirklich nur die Auserwählten und das Gesindel blieb aussen vor.

Und so ist die Geschichte nicht ohne eine Prise Ironie zu haben: Die Zensurbehörde als die Anwältin des christlichen Glaubens argumentierte ähnlich wie die Gegner von Jesus, wie sie in den Evangelien beschrieben werden: Dass Jesus mit Sündern gegessen hat, nun ja, das mag ja noch gehen. Aber beim letzten Abendmahl – sicher nicht! Wo kämen wir denn da hin, wenn sich der Messias mit solchen Leuten abgegeben hätte! Man isst nicht mit unwürdigen Menschen. Die Repräsentanz des katholischen Glaubens und der weissen, männlichen Elite war wichtiger als die Botschaft von Jesus, dass alle an seinen Tisch eingeladen sind. Damit sagt die Geschichte hinter dem Bild nicht nur etwas über die Theologie aus, sondern auch zu ihrem Verhältnis zu Macht und Politik.

Dass Jesus aber kritisiert wird für seinen Umgang mit scheinbar unwürdigen Menschen ist nicht neu. Nach den Evangelien sind es nicht nur die Pharisäer, die Jesus für seinen Umgang mit bestimmten Menschen kritisierten, sondern sogar seine Jünger. Davon handelt eine andere Geschichte eines Gastmahles, nämlich die im Hause des Simon. Diese Geschichte beginnt schon einmal mit einem steilen Einstieg: Denn Simon ist ein Aussätziger, also auch einer, der zu diesem «Gesindel» gehörte, wie es die Zensurbehörde bezeichnete. Damit aber nicht genug.

Denn während Jesus mit seinen Jüngern und Simon zu Tische sitzt, erscheint eine Frau. Unvermutet und überraschend taucht sie auf. Wir wissen nicht, woher sie kommt, ob sie im Hause Simons arbeitet, nicht einmal ihren Namen erfahren wir, wie so häufig bei Frauen in der Bibel. Sie nimmt ein Fläschchen mit Nardenöl, ein wertvolles Öl einer Pflanze, die mit dem Baldrian verwandt ist, zerbricht es und leert es Jesus über den Kopf.

Man kann sich vorstellen, wie gross die Aufregung gewesen sein muss: Da kommt eine unbekannte Frau ungefragt in den Speisesaal und giesst während des Essens Jesus Öl über den Kopf. Interessanterweise aber wagen es die Jünger nicht, die Frau direkt anzugreifen. Sondern sie bringen den Wert des Öls ins Spiel: „Wozu“, sagen einige, „geschah diese Verschwendung des Öls? Dieses Öl hätte man für mehr als dreihundert Denar verkaufen und den Erlös den Armen geben können!“ Es scheint, als müssten die Jünger sich aufgrund der Frau profilieren und sich selber in ein gutes Licht stellen:

Wir hätten das Öl verkauft, wir hätten so gehandelt, wie es Jesus fordert, nämlich die Armen zu unterstützen. Spannend wäre übrigens die Frage, ob die Jünger diesen Vorwurf auch gemacht hätten, wenn es sich bei der Person mit dem Nardenöl nicht um eine unbekannte Frau, sondern um einen angesehenen Mann gehandelt hätte. Menschen haben in der Regel ein sehr gutes Gespür dafür, wen sie herabsetzen können und wen nicht.

Und wie reagiert Jesus? Er nimmt die Frau in Schutz: „Lasst sie“, entgegnet er, „was bringt ihr sie in Verlegenheit? Sie hat eine schöne Tat vollbracht. Arme habt ihr ja allezeit bei euch und könnt ihnen Gutes tun, sooft ihr wollt; mich aber habt ihr nicht allezeit.“ Es ist eine berührende Geschichte, die erzählt, mit welcher Sorgfalt und Achtung Jesus mit den Menschen umgegangen ist. Im Gegensatz zu den Jüngern, für welche die Frau dumm und unvernünftig handelt, bezeichnet Jesus ihre Handlung als «schöne Tat». Damit kann man einen Bogen zu Veronese schlagen. Ein gewagter Schritt vielleicht, aber ich glaube, dass er sich lohnt.

Denn sowohl bei der Geschichte der Frau mit dem Nardenöl als auch bei den Vorkommnissen im Zusammenhang mit der Zensurbehörde geht es um Macht und, so wage ich in den Raum zu stellen, um Angst: Menschen, die – aus was für Gründen auch immer – nicht dazugehören sollen, werden blossgestellt, als unwürdig oder als Gesindel bezeichnet. Sowohl bei den Jüngern als auch bei der Zensurbehörde geht es um den Erhalt einer bestimmten Ordnung, die nicht gestört werden darf. Alle Versuche, diese Ordnung zu stören, werden abgestellt, weil die Angst da ist, die eigene Macht und das eigene Ansehen zu verlieren. Die Jünger müssen sich aufgrund der Frau profilieren und sie dementsprechend herabsetzen. Die Zensurbehörde erlaubt nicht, dass politische und religiöse Gegner auch zu Jesus gehören können.

Aber klar, mag man denken, wer wäre denn so blöd, seine politischen Gegner in ein gutes Licht zu rücken? Ihnen einen Platz beim Tisch des Herrn zu geben? Funktioniert unsere Welt nicht so, dass der, der seine Macht zeigt und demonstriert, das Sagen hat? Ja, so funktioniert unsere Welt, damals wie heute. Aber gerade das ist es, was Jesus kritisiert und gelebt hat: Über seine Geburtsgeschichte, sein Leben als Wanderprediger bis hin zu seinem Tod am Kreuz war er der, der nicht ins Schema passte und oft auch der Stein des Anstosses war. Denn es ging ihm darum, die menschliche Vorstellung von Macht und Repräsentanz radikal zu hinterfragen und die Menschen hinzuweisen auf das Reich Gottes, auf die Liebe, die letztlich die stärkste Kraft ist. Die Kraft und Brisanz seiner Botschaft liegt darum nicht zuletzt darin, dass sie die gängigen Vorstellungen von Macht hinterfragt und Jesus sich gerade zu dem sogenannten Gesindel gesellt: Auch diejenigen, die der Gesellschaft nicht genehm sind, haben einen Platz am Tisch des Herrn.

Die beiden unterschiedlichen Geschichten über das Gastmahl können darum auch heute ein Wegweiser sein auf dem christlichen Glaubensweg. Die eigenen Vorstellungen, was «richtig» und was «falsch» ist, wer eine «richtige» Christin ist und wer nicht, kann auf den Holzweg führen. Sie kann uns blind machen für die Botschaft von Jesus, dem es eben nicht um Macht und Ansehen ging, sondern um die Herzensbeziehung. In der Gesellschaft damals wie heute aber ist man es sich gewohnt, Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihres Aussehens oder auch ihrer sexuellen Orientierung einzuordnen und nicht selten ist es die Angst, selber zu wenig wert zu sein, die dazu verleiten kann, andere herabzusetzen.

Jesus aber fordert dazu auf, diese oft subtilen Machtstrukturen zu hinterfragen. Und genau das ist es, was Veronese – im Gegensatz zur Zensurbehörde – erkannt hat. Es zeugt von seiner Stärke und Grösse, dass er das Bild nicht geändert, sondern ihm nur einen anderen Namen gegeben hat. Vielleicht spielte er sogar mit diesem Gedanken, dass die Zensurbehörde wie die Pharisäer argumentiert haben, die vor dem Hause (oder eben dem Bild) des Levi stehen und kritisieren, dass es sich für dieses sogenannte Gesindel nicht gehöre, am Tisch des Herrn zu sein. Ohne zu merken, dass gerade das ein wesentlicher Teil der Botschaft von Jesus war.

Amen.

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Kollekte

Lemuel Haiti

Haïti bedeckt zwei Drittel der Fläche der Schweiz. Die ehemalige französische Sklavenkolonie ist das ärmste Land der westlichen Hemisphäre, was nicht zuletzt auf eine jahrhundertealte Geschichte der Unterdrückung und politischen Unsicherheit zurückzuführen ist. Die Hälfte der über zehn Millionen Einwohner und Einwohnerinnen lebt unterhalb der Armutsgrenze von einem Dollar am Tag. Arbeitslosigkeit, Rechtsunsicherheit, Misswirtschaft, politische Missstände, Abwanderung der Bildungsschicht (Brain Drain) und eine Zukunft ohne Hoffnung prägen den Alltag. Hier greift LEMUEL SWISS ein und schafft den Menschen Perspektiven für ein Leben in Würde.

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