Gottesdienst vom 01.11.2020 in Romanshorn

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Info und Kontakte

Gottesdienstleitung: Meret Engel

Musik: Daniel Engeli, Bruno Sauder

Mesmer: Marc von Aesch

Ablauf und Predigt als Text

Thema: Warum braucht es die Kirche?

 

1. Kor 14, 13-19

Wenn ihr schon um die Geistkräfte wetteifert, dann trachtet nach dem, was der Erbauung der Gemeinde dient, damit ihr alles im Überfluss habt.

 

Darum bete, wer in Zungen redet, dass er es auch übersetzen kann. Denn wenn ich in Zungen bete, so betet zwar mein Geist, mein Verstand aber bleibt ohne Frucht.  Was folgt daraus? Ich will im Geist beten, ich will aber auch mit dem Verstand beten; ich will im Geist lobsingen, ich will aber auch mit dem Verstand lobsingen. Denn wenn du den Lobpreis sprichst im Geist, wie soll dann, wer als Fremder dazustösst, auf dein Dankgebet hin das Amen sprechen? Er versteht ja nicht, was du sagst. Du magst zwar ein schönes Dankgebet sprechen, doch der andere wird nicht aufgebaut. Ich danke Gott, dass ich mehr als ihr alle in Zungen rede; aber in der Gemeinde will ich, um auch andere zu unterweisen, lieber fünf Worte mit meinem Verstand sagen als tausend Worte in Zungen.

 


Predigt

Liebe Gemeinde

Warum braucht es eigentlich die Kirche? Während es über Jahrhundert klar war, dass «man» einfach zur Kirche gehörte, hat man heute die Wahl: Möchte man Mitglied der Kirche sein und wenn ja, welcher? Ich möchte Sie einladen, heute, am Reformationssonntag, über diese Frage nachzudenken. Und zwar, ganz typisch reformiert, auch mit Ihnen zusammen. «Die Kirche aller Gläubigen» war ein Schlagwort der Reformierten. Der Pfarrer, heute kann man auch sagen, die Pfarrerin, wird zwar ausgebildet in der Auslegung der Bibel, aber jede und jeder Gläubige kann die Bibel auch selber lesen und interpretieren. In diesem Sinne möchte ich Sie einladen, von Ihrem Recht, die Bibel zu interpretieren, Gebrauch zu machen. In den Bankreihen finden Sie Stifte und Papier. Sie sind eingeladen, im Laufe dieses Gottesdienstes Ihre Gedanken aufzuschreiben zu dieser Frage: «Warum braucht es Ihrer Ansicht nach die Kirche?» Wir werden die Zettel am Schluss des Gottesdienstes sammeln. Gerne werte ich die Antworten aus und möchte Sie möchte auch – anonym -  auf unserer Homepage veröffentlichen. Wenn Sie das nicht möchten, schreiben Sie es doch auf den Zettel hin.

Also: Warum braucht es die Kirche? Diese Gedanken habe ich mir auch gemacht. Ich bin dazu einer der ältesten Gemeinden im Christentum nachgegangen, nämlich derjenigen in Korinth. Und dort gab es, wie es vorkommen kann, Streit in der Gemeinde. In diesem Fall ging es um die Frage, wer der bessere Gläubige sei.

So gab es einige, die rühmten sich, dass sie Zungenreden konnten. Das «Reden in Zungen» bezieht sich auf das Pfingstereignis: Die Menschen, die vom Geist erfüllt waren, fingen an, in fremden Sprachen zu reden. Das Zungenreden gilt darum als eine göttliche Gabe.

Der Apostel Paulus, der die Gemeinde mit aufgebaut hat, hat von den Streitigkeiten und dem internen Wettbewerb natürlich erfahren und schreibt darum den Korinthern einen Brief, in welchem er ihnen, salopp ausdrückt, die Leviten liest. Er fasst aber auch zusammen, und nun wird es auch für uns interessant, um was es in der Gemeinde gehen soll. Seine Antworten können darum auch wegweisend sein für die Frage: «Um was soll es in der Kirche gehen?» Und damit verbunden die Frage: «Warum braucht es eine Kirche?» Ich möchte dazu gerne drei Aspekte aus seinem Brief herausheben.

 

Schauen wir also einmal, was Paulus den Korinthern schreibt. «Wenn ihr schon um die Geistkräfte wetteifert», ermahnt er die Korinther «dann trachtet nach dem, was der Erbauung der Gemeinde dient, damit ihr alles im Überfluss habt.»

Damit weist Paulus diejenigen, die meinen, die «besseren» Gläubigen zu sein, in die Schranken. In der Gemeinde soll es nicht darum gehen, dass man sich profilieren kann. Die Gemeinde soll auch kein Club von «Insidern» sein, von Auserwählten, deren Sprache nur wenige verstehen:

«Denn wenn du den Lobpreis sprichst im Geist, wie soll dann, wer als Fremder dazustösst, auf dein Dankgebet hin das Amen sprechen? Er versteht ja nicht, was du sagst.»

Die Gemeinde soll vielmehr ein Ort sein, an dem auch Fremde sich wohl und angesprochen fühlen. Sie soll ein Ort der Gemeinschaft sein, an dem es nicht um das wetteifern geht, sondern dass alle – Paulus verwendet an einer anderen Stelle die Vorstellung von verschiedenen Gliedern im Leib – ihren Platz finden.

Dieser Grundgedanke scheint mir auch heute wesentlich zu sein. Kirche soll einen Raum bieten, in dem sich Menschen aus unterschiedlichen Hintergründen begegnen können. Sie soll nicht trennen, sondern integrieren. Nicht separieren, sondern verbinden. Das kann anspruchsvoll sein. Denken Sie nur darüber nach, wann Sie das letzte Mal mit jemandem diskutiert haben, der eine andere Ansicht im Umgang mit Covid und im Zusammenhang mit den Massnahmen des Bundes vertreten hat. Solche Diskussionen können anstrengend sein.

Kirche aber will einladen, weniger das Trennende, sondern das Verbindende zu suchen. Wir haben vielleicht unterschiedliche Ansichten. Aber wo finden wir uns? Wie können wir den anderen respektieren, auch wenn er oder sie eine andere Meinung vertritt? Das Suchen nach dem Gemeinsamen brauchen wir auch heute, wenn zunehmend die Rede davon ist, dass die Gesellschaft auseinanderdrifte.

Die Kirche kann hier einen entscheidenden Beitrag leisten und eine Gegenbewegung zur Entfremdung hineinbringen: Weil es seit Beginn des Christentum ihre grundlegende Aufgabe ist, das Verbindende und nicht das Trennende zu suchen.

 

Warum braucht es Kirche? Mit dieser Frage komme ich zurück zum Brief von Paulus. In der Auseinandersetzung mit dem Zungenreden schreibt er weiter: «Denn wenn ich in Zungen bete, so betet zwar mein Geist, mein Verstand aber bleibt ohne Frucht.  Was folgt daraus? Ich will im Geist beten, ich will aber auch mit dem Verstand beten; ich will im Geist lobsingen, ich will aber auch mit dem Verstand lobsingen.»

Paulus betont den Stellenwert der Vernunft: Das Gebet und der Lobgesang sollen vernünftig sein. Ich verstehe das so, dass im Glauben der Bezug zur Realität gegeben sein muss. Der Glaube will keine «Parallelwelt» schaffen, in der das Unangenehme, Sperrige, Unbequeme, Widersprüchliche ausgeklammert oder verdrängt wird. Dementsprechend hat die Bibel auch ein realistisches – und damit auch ein vernünftiges – Menschenbild: Menschen, auch grosse Figuren wie Moses oder Jesaja, werden dargestellt mit ihren Schwächen, Kämpfen und Zweifel. Schuld, Scham, Betrug, Gier – die ganze Palette von schwierigen Gefühlen kommen denn auch in der Bibel vor und sie erzählt in Geschichten und mit dem Leben von Jesus Christus, wie diese integriert werden können.

Die Kirche kann so einladen, Schwierigkeiten und Ungerechtigkeiten – sei es im persönlichen Leben oder auch in unserer Welt – nicht auszublenden oder schönzureden, sondern hinzuschauen. Das kann anstrengend sein: Denn die Versuchung kann gross sein, sich mit etwas Unangenehmen nicht auseinander zu setzen sondern zu hoffen, es regele sich dann schon von selber. Aber im Leben gibt es oft keine Abkürzung und es braucht manchmal Mut und einen Willen, nicht nur das Erfüllende, sondern auch das Unerlöste im Leben zu sehen.

Es gibt aber nicht nur im persönlichen, sondern auch im öffentlichen Leben Herausforderungen: Die Weltgemeinschaft steht vor einschneidenden Umwälzungen. Die Corona-Krise, der Klimawandel und veränderte Mächteverhältnisse bringen grosse Unsicherheiten mit sich. Ich bin überzeugt, dass wir die Probleme nicht lösen, indem wir sie kleinreden oder verdrängen. Die Kirche kann aufzeigen, dass es wichtig ist, sich den Realitäten zu stellen und Verantwortung zu übernehmen. Gottes Geist und unsere Vernunft können uns dabei helfen, tatkräftig an unserer Zukunft mitzuarbeiten.

 

 

 

Ich komme noch einmal zurück zum Korintherbrief und damit zu einer dritten Antwort auf die Frage: «Warum braucht es Kirche?». Wenn du in Zungen redest, schreibt Paulus, magst du «zwar ein schönes Dankgebet sprechen, doch der andere wird nicht aufgebaut.»

In der Kirche geht es also darum, dass die Menschen aufgebaut werden. Dass wir einander aufbauen, das heisst ermuntern, stärken, unterstützen können. Wir müssen das aber nicht aus einiger Kraft tun. Der Glaube daran, dass Jesus Christus gestorben und auferstanden ist, kann uns eine Hoffnung geben, die nicht von dieser Welt kommt.

Was das konkret heissen kann, wird mir bewusst im Begleiten von Menschen, die in einer schweren Krise sind. Es gibt Situationen, in denen – im Moment zumindest –  keine realistische Hoffnung sichtbar ist. Zu verfahren, zu verworren, zu verkrustet, zu schwierig ist eine Lebenssituation. Man hat alles probiert, aber es hat nichts genützt. Dieses Gefühl, man könne «nichts mehr machen» und man sei an einem absoluten Tiefpunkt im Leben angekommen, ist kaum auszuhalten. Wenn man dann noch spürt, dass auch die Menschen rundherum nicht mehr weiterwissen, sozusagen ans Ende des Alphabetes gekommen sind, kann das eine tiefe Verzweiflung, Angst und Verunsicherung auslösen.

Der Glaube kann helfen, nicht in einer Sprachlosigkeit zu verfallen. Weil auch Jesus das ganz Dunkle erlebt hat, können wir eine Sprache und die Kraft finden, auszuharren. Der Glaube kann die Gabe schenken, schwierige Situationen auszuhalten und nicht davonzulaufen und den Leidenden alleine zu lassen. Und umgekehrt gilt: Auch wenn ich verzweifelt bin, können andere für mich beten. Sie können stellvertretend für mich glauben, dass Gott mich nicht aufgegeben hat und mir eine Zukunft offen steht.

Die Kirche kann so in unserer heutigen Gesellschaft die Solidarität stärken. Damit kann sie einer Ungerechtigkeit und vor allem einer Gleichgültigkeit entgegenwirken. Es soll mir nicht egal sein, wie es meinem Nächsten geht. Sondern ich bin aufgerufen, ihn aufzubauen und zu unterstützen.

 

Warum braucht es Kirche? Ich habe drei Punkte zusammengetragen: Erstens, weil sie das Verbindende in der Gemeinde und in der Gesellschaft stärken kann. Weil sie, zweitens, hilft, Herausforderungen anzugehen und damit dazu beitragen kann, dass wir an unserer Zukunft und Schöpfung mitarbeiten können. Und weil sie drittens dazu aufruft, solidarisch zu sein und damit einer Gleichgültigkeit und Kälte entgegenwirkt.

Gewiss, diese Aufzählung ist unvollständig und ich bin gespannt, was Sie noch für Gedanken und Überlegen mit hineinbringen.

Zum Schluss aber noch ein Wunsch an die Kirche an diesem Reformationssonntag: Ich wünsche mir, dass die Kirche selbstbewusster auftreten kann. Weil das, was sie weitergeben und leisten kann, für eine Gesellschaft ein Segen sein kann.

 

Amen.

 

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