Gottesdienst vom 04.10.2020 in Romanshorn

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Info und Kontakte

Gottesdienstleitung: Sarah Fakhoury

Musik: Bruno Sauder

Mesmer: Marc von Aesch

Ablauf und Predigt als Text

Einleitung

10 Gott sah, dass sie sich von ihrem bösen Treiben abwandten. Da tat es ihm leid, sie zu vernichten, und er führte seine Drohung nicht aus. (Jona 3, 10; www.bibelserver.com;)

Liebe Gemeinde, liebe Gäste,

     ist das konsequent?

     Gott hatte Jona nach Ninive geschickt, um dem Volk den Untergang anzukündigen. Und dann geht das Volk doch nicht unter. Denn es kehrt von seinem verkehrten Weg um, woraufhin sich Gott erbarmt.

     Wenn wir Gott nur als den sehen, der etwas sagt und es dann ausführt – oder auch nicht ausführt – ist es vielleicht nicht so konsequent.

     Wenn wir Gott aber als den gerechten UND gnädigen Gott sehen, als den, der uns liebt und Leben schafft, ist es sehr konsequent, wenn er sich erbarmt. Wenn er Gnade vor Gericht walten lässt.

     Ich bin froh, dass Gott nicht nur der Richter ist, sondern auch liebt und vergibt. Ich bin froh, dass Gott eine zweite, dritte, vierte, …, x-te Chance gibt. Auch mir und Ihnen.

     Darum feiern wir ja auch Gottesdienst. Weil wir zu Gott kommen und ihm begegnen dürfen – auch wenn wir es anders verdient hätten.

     So feiern wir diesen Gottesdienst in seiner Gegenwart – der Vater, Sohn und Heilige Geist ist mit uns.

 

 

Lesung Matthäus 13, 54-58

54 Jesus kam in seine Heimatstadt und lehrte in der Synagoge, und die Leute, die ihn hörten, waren sehr verwundert. »Woher hat er diese Weisheit«, fragten sie einander, »und woher die Kraft, solche Wunder zu tun? 55 Ist er nicht der Sohn des Zimmermanns? Ist nicht Maria seine Mutter und sind nicht Jakobus, Josef, Simon und Judas seine Brüder? 56 Leben nicht auch seine Schwestern alle hier bei uns? Woher hat er dann das alles?« 57 Darum wollten sie nichts von ihm wissen. Aber Jesus sagte zu ihnen: »Ein Prophet gilt nirgends so wenig wie in seiner Heimat und in seiner Familie.« 58 Weil sie ihm das Vertrauen verweigerten, tat er dort nur wenige Wunder.

   

Predigt zu Hesekiel 33, 1-11

     Hesekiel war der Sohn eines Priesters. Er kam 597 v. Chr. ins babylonische Exil und wurde im fünften Jahr seines Exils von Gott zum Propheten berufen. Er war damals etwa 30 Jahre alt und sprach zu den im Exil gefangenen Juden. Er war zur gleichen Zeit Prophet wie Jeremia, der in Judäa als Prophet wirkte.

     Die Völker, die um die Juden herum wohnten, hatten ortsbezogene Götter. Zogen die Leute in ein anderes Land, verehrten sie den neuen, ortsansässigen Gott und liessen den alten zurück. Oder verehrten beide Götter – den ehemaligen und den aktuellen. Doch der Gott, den die Juden verehren und den auch wir verehren, ist kein ortsbezogener Gott. Er ist nicht „Herr über Israel“, sondern „Herr der ganzen Welt.“ Er ist überall. Er kann überall angerufen und angebetet werden.

     Hesekiel „bewies“ genau dies durch seinen Beruf als Prophet: Weil Hesekiel ausserhalb Judäas von Gott Botschaften für die Juden erhielt, zeigte er so dem Volk, dass Gott im Exil wirklich da ist. Dass Gott durch Landesgrenzen nicht ausgeschlossen wird.

     Was genau war die Aufgabe Hesekiels, welche Botschaft musste er den Leuten überbringen? Er sollte den Exil-Juden Gottes Plan, Gottes Wahrheit, Gottes Gericht und Gottes Zuspruch weitergeben. Die Exil-Juden hofften, dass das Exil bald vorüber sei und sie in ihre Heimat zurückkehren konnten. Doch dem war nicht so, und Hesekiel gab ihnen zu verstehen, dass sie eine Weile in Babylon leben würden. Sie sollten sich hier niederlassen und sich auf eine längere Zeit einstellen.

     Das Volk Gottes war nicht grundlos in die Verbannung geführt worden. Die Verbannung war die Konsequenz ihrer Entscheidung, Gott den Rücken zuzuwenden und ohne ihn zu leben. Die Sünde der Bewohner hatte sogar dazu geführt, dass Gott den Tempel verliess. Das war recht einschneidend, aber eben auch konsequent. Denn Gott hatte seinem Volk zugesagt, im Tempel für es da zu sein – solange es sich nicht von ihm abwendet. Das war nun aber geschehen, und so hatte er den Tempel verlassen.

     Gott geht aber nicht nur mit seinem Volk ins Gericht, sondern auch mit den umliegenden Völkern. Die hatten sich nämlich über Israel lustig gemacht und es bedrängt.

     Hesekiel muss aber nicht nur Gottes Strafe verkündigen. Er darf auch Hoffnung weitergeben. Denn Gott gefällt es nicht, wenn die Gottlosen sterben. So sorgt Gott selber für einen Rettungsplan, er ist gnädig und kehrt später in den Tempel zurück. Er führt das Volk zu einer Erneuerung, die Bibel spricht von einem neuen Geist, von einem neuen Herzen, von innerer Reinigung.

     Die heutige Predigt ist aus Kapitel 33. Aus dem Anfang dieser Wendezeit. Es steht nochmals eine Warnung im Raum. Eine Warnung an Hesekiel. Eine Warnung aber nicht nur für Hesekiel, denn mich hat sie aufgeweckt und zum Nachdenken gebracht. Und ich habe mich gefragt, was sie für mich heisst. Und was sie für uns – für unsere Gemeinde hier vor Ort, aber auch allgemein für uns Christen – bedeuten könnte. Ich lese aus Hesekiel 33, 1-11:

 

1 Das Wort des Herrn erging an mich, er sagte: 2 „Du Mensch, sag zu den Leuten aus deinem Volk: ‚Der Herr sagt: Angenommen, ich schicke Feinde gegen ein Land und die Männer des Landes haben einen aus ihrer Mitte zum Wächter bestellt, der drohende Gefahren melden soll. 3 Wenn dieser Wächter die Feinde kommen sieht, hat er die Pflicht, das Alarmhorn zu blasen und die anderen zu warnen. 4 Wenn jemand das Alarmsignal hört, sich aber nicht warnen lässt und deshalb umkommt, dann trägt die betreffende Person allein die Schuld. 5 Sie ist gewarnt worden, aber hat die Warnung in den Wind geschlagen. Hätte sie die Warnung ernst genommen, so wäre sie mit dem Leben davongekommen. 6 Anders ist es, wenn der Wächter es versäumt hat, Alarm zu blasen und die Leute zu warnen. Wenn dann jemand durch Feinde umgebracht wird, ereilt die betreffende Person damit zwar die Strafe für das Unrecht, das sie begangen hat; aber den unzuverlässigen Wächter ziehe ich zur Rechenschaft wie für einen Mord.‘ 7 Du Mensch, dich habe ich als Wächter bestellt, der die Leute von Israel vor drohender Gefahr warnen soll. Wenn du eine Botschaft von mir vernimmst, musst du sie ihnen weitersagen, damit sie wissen, was auf sie zukommt. 8 Wenn ich dir ankündige, dass ein bestimmter Mensch wegen seiner schlimmen Taten sterben muss, dann bist du dafür verantwortlich, dass er gewarnt wird. Versäumst du es, so wird er zwar sterben, wie er es verdient; aber dich ziehe ich dafür zur Rechenschaft wie für einen Mord. 9 Warnst du ihn, aber er hört nicht darauf, so wird er ebenfalls sterben, wie er es verdient hat; aber du hast dein Leben gerettet. 10 Du Mensch, sag zu den Leuten von Israel: ‚Ihr habt allen Mut verloren und klagt: Unsere Schuld ist zu gross, an den Folgen unserer Verfehlungen gehen wir zugrunde, wir haben keine Zukunft mehr! 11 Aber der Herr, der mächtige Gott, sagt: So gewiss ich lebe, mir macht es keine Freude, wenn ein Mensch wegen seiner Vergehen sterben muss. Nein, ich freue mich, wenn er seinen falschen Weg aufgibt und am Leben bleibt. Darum kehrt um, kehrt schleunigst um! Warum wollt ihr in euer Verderben laufen, ihr Leute von Israel?‘ …“

                         (www.bibleserver.com; Gute Nachricht)

 

     Wer ist schon gerne Überbringer einer schlechten Nachricht? In den Vorabendkrimiserien sieht man jeweils die Polizisten hin- und herdiskutieren, wer den Angehörigen die Nachricht vom Tod eines Familienmitglieds bringt…

     Und wer geht gerne hin und sagt: „Hör mal, Gott lässt dir ausrichten: Wegen deiner bösen Taten musst du sterben.“?

     Doch Gott sagte zu Hesekiel: „Die Aufgabe eines Wächters ist es, die anderen zu warnen, damit sie gerettet werden können. Wenn sie nicht umkehren, sind sie selber schuld. Aber es kann nicht sein, dass der Wächter nicht warnt! Er muss seine Aufgabe erfüllen, sonst hat er seinen Beruf total verfehlt.“

     Wir waren kürzlich auf unserem Teamausflug in Bischofszell und haben mit den Nachtwächtern einen Rundgang durchs Städtli gemacht. Lebhaft und gut vorstellbar haben sie uns die damalige Situation vor Augen geführt und erklärt, was die Aufgaben der Nachtwächter war: Immer zur Stunde die Uhrzeit ausrufen – leise genug, dass die Bevölkerung deswegen nicht aufwacht, und laut genug, sodass die Bevölkerung im Unterbewussten mitbekommt, dass gewacht wird. Gab es ein Feuer, mussten die Wächter Alarm schlagen, die Feuerwehr rufen und das Feuer so lange in Schach halten, damit es sich nicht ausbreitete.

     Was für ein schlechter Nachtwächter, der nicht Alarm schlüge. Und was für ein dummer Mensch, der bei Feueralarm sein brennendes Haus nicht zu verlassen versuchte.

     Warum soll das bei anderen Warnungen anders sein? Warum soll man den „Feueralarm“ von Gott nicht weitergeben oder sich nicht retten wollen?

     Der Prophet Hesekiel soll ja nicht nur sagen: „Du kommst um, weil du Böses getan hast“. Er hat nicht nur eine schlechte Nachricht, sondern auch eine gute: „11 Aber der Herr, der mächtige Gott, sagt: ‚So gewiss ich lebe, mir macht es keine Freude, wenn ein Mensch wegen seiner Vergehen sterben muss. Nein, ich freue mich, wenn er seinen falschen Weg aufgibt und am Leben bleibt. Darum kehrt um, kehrt schleunigst um! Warum wollt ihr in euer Verderben laufen, ihr Leute von Israel?‘“

     Hesekiel hat eine echte Alternative zum Tod zu verkünden: „Kehrt um. Gott freut sich nicht, wenn ihr sterbt. Aber er freut sich, wenn ihr zu ihm umkehrt, euer Leben ohne Gott verlässt und ein neues Leben mit ihm beginnt.“

     Ist man unter diesen Umständen immer noch Überbringer einer schlechten Nachricht, wenn man als Wächter und Warner auftritt? Ist man so nicht eher Überbringer einer Hoffnungsbotschaft?

     Klar braucht es immer noch Mut, den anderen auf seinen Fehler hinzuweisen. Es braucht Mut zu sagen: „Gott lässt dir ausrichten…“ Es braucht zudem – und zuallererst – auch Zeit und einen klaren Fokus auf Gott, um überhaupt zu hören, was Gott sagen will. Aber ist es nicht eine Freude, wenn sich eine Person warnen lässt, wenn sie umkehrt und am Leben bleibt, nachdem man sie gewarnt hat? Nachdem man ihr Gottes Botschaft ausgerichtet hat?

     Die Nachtwächter früher machten ihre Aufgabe gut, wenn sie bei Feuer oder Verbrechen Alarm schlugen. Wer heute die Feuerwehr anruft, wenn er ein brennendes Haus sieht, und dadurch einen Vollbrand verhindert, liest am nächsten Tag überglücklich in der Zeitung: „Ein Passant hatte die Feuerwehr alarmiert. Die Feuerwehr war schnell vor Ort und konnte das Feuer löschen. Der Sachschaden beläuft sich auf einigen Tausend Franken, doch verletzt wurde niemand.“

     Warum sollen wir nicht auch Gottes „Feuerwarnungen“ ernst nehmen und weitergeben?

     Ich sage damit aber nicht, dass wir für alle und alles verantwortlich sind. Wir können nicht immer und überall Alarm schlagen. Aber sollten wir es nicht bei den Menschen tun, mit denen wir täglich zu tun haben, mit denen wir leben und arbeiten, mit denen wir befreundet sind? Im Bibeltext steht: Die Männer des Landes haben einen aus ihrer Mitte zum Wächter bestellt, der drohende Gefahren melden soll.

     Der Wächter ist einer von ihnen. Einer, dem die Stadt, dem die Familien, dem die Mitbewohner nicht egal sind. Einer, der davon betroffen ist, wenn es dem Ort gut oder schlecht geht. Und doch ist es manchmal besonders schwierig, im persönlichen Umfeld „Wächter“ zu sein, weil einem die Leute nicht glauben wollen. Sie kennen einen ja. Sie wissen, wie man aufgewachsen ist, welche Streiche man gespielt hat, was man macht. „So einer soll nun Gottes Botschaft ausrichten?!“, fragen die Leute. Jesus hat das auch erlebt. In der Lesung (Matthäus 13) hiess es: 57 Darum [weil die Geschwister im Dorf lebten und man Jesu Familie kannte] wollten sie nichts von ihm wissen. Aber Jesus sagte zu ihnen: „Ein Prophet gilt nirgends so wenig wie in seiner Heimat und in seiner Familie.“ 58 Weil sie ihm das Vertrauen verweigerten, tat er dort nur wenige Wunder.

     Daheim als Prophet zu wirken ist herausfordernd. Man ist ständig unter Beobachtung: Tut sie/er, was sie/er sagt? Oder predigt sie/er Wasser, trinkt selber aber Wein?
     Taten sprechen bekanntlich lauter als Worte. Ich hoffe, dass es die guten Taten, das aufrichtige Leben, das ehrliche Handeln, die Beziehung zu Gott ist, das lauter redet als die schlechten Taten …

     Aber nochmals zurück zum Predigttext: Wir sind nicht für die Entscheidung des anderen verantwortlich. Aber was uns aufgetragen ist, das sollten wir tun. So wünsche ich uns allen – Ihnen und mir – Mut, als Wächter zu handeln. Aber auch Mut, die Warnung ernst zu nehmen, umzukehren und uns in Sicherheit zu bringen.

     Amen.

 

Segen

Der HERR segne dich und behüte dich;

der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;

der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. Amen.

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