Gottesdienst vom 05.06.2022 in Romanshorn

von

Audio Predigt

Info und Kontakte

Gottesdienstleitung: Meret Engel

Musik: Daniel Engeli, Bruno Sauder, Kirchenchor

Mesmerdienst: Edith Lengacher

Predigt als Text

Predigttext: Apg 2, 2-13: Das Pfingstwunder

Als nun die Zeit erfüllt und der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle Jünger beisammen an einem Ort. Da entstand auf einmal vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie sassen; und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich zerteilten, und auf jeden von ihnen liess eine sich nieder.

 

Und sie wurden alle erfüllt von heiligem Geist und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie der Geist es ihnen eingab. In Jerusalem aber wohnten Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als nun jenes Tosen entstand, strömte die Menge zusammen, und sie waren verstört, denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden. Sie waren fassungslos und sagten völlig verwundert: Sind das nicht alles Galiläer, die da reden? Wie kommt es, dass jeder von uns sie in seiner Muttersprache hört? Wir alle hören sie in unseren Sprachen von den grossen Taten Gottes reden. Sie waren fassungslos, und ratlos fragte einer den andern: Was soll das bedeuten? Andere aber spotteten und sagten: Die sind voll süssen Weins.

 


Predigt

Liebe Gemeinde

„Wer ist Gott?“ Dieses Thema haben sich die Konfirmandinnen und Konfirmanden für den Konfirmationsgottesdienst gewünscht, der Anfang Mai stattgefunden hat. Wir haben das Thema auch im Konfunterricht besprochen und diskutierten darüber, wie wir uns Gott vorstellen: „Als alten Mann mit Bart!“ sagten die meisten Jugendlichen, was mich doch ziemlich erstaunt hat.

Wir haben dann nachgeschaut, was denn die Bibel dazu sagt, wer Gott ist. Es war offensichtlich eine spannende und vielleicht auch heilsame Entdeckung der Jugendlichen, dass Gott nicht nur als Vater oder als alter Mann beschrieben wird, sondern auch als Mutter, Henne, Adler oder Knecht. Die Bibel kennt denn auch ganz verschiedene Gottesbilder.

Man kann sie grob unterscheiden in personale Gottesbilder – Vater, Sohn, Richter oder König – und in unpersonale Gottesbilder, wie Licht, Brot oder Geist. Es hat mich nicht verwundert, dass die Jugendlichen Gott kaum mit einem unpersonalen Bild wie zum Beispiel dem Licht in Verbindung gebracht haben, denn diese Vorstellungen sind anspruchsvoller als die personalen Bilder. Bei einem Vater oder einem König hat man ja ein Bild, an das man sich halten kann. Aber die unpersonalen Gottesbilder können dafür sehr befreiend sein: Denn sie können neue Zugänge zum Glauben eröffnen: Gott kann anders wahrgenommen werden, als man ihn sich als Kind vielleicht vorgestellt hat oder wie es einem gelehrt worden ist.

Der Geist, auf hebräisch „ruach“ übrigens weiblich dekliniert, kann denn auch aufzeigen, warum unpersonale Gottesbilder anspruchsvoll und gleichzeitig befreiend sein können. Das merkt man relativ schnell, wenn man jemandem erklären will, was der Geist Gottes ist. Wie würden Sie den Geist beschreiben?

Die Schwierigkeit hängt damit zusammen, dass der Geist weder sicht- noch fassbar ist und unterschiedlich wahrgenommen wird. Er kann als feiner Hauch spürbar sein, wie bei Elija in der Wüste. Er kann heftig wahrgenommen werden, wie es in der Apostelgeschichte beschrieben wird, als ein Sturm, der durch das Haus fegt. Er kann ganz still und scheinbar untätig über den Wassern liegen, wie es am Anfang in der Bibel heisst, wo der Geist sich in der Ödnis und Finsternis über den Urfluten bewegt – und doch ist es auch dieser Geist, der alles Leben werden lässt, der sich zeigt im Atem von Tier und Mensch, der alles erneuert, spriessen und wachsen lässt (Psalm 104,30f.).

Aber es ist nicht nur so, dass der Geist sich auf unterschiedliche Art und Weise zeigen kann. Auch seine Wirkung kann unterschiedlich sein. Das zeigt sich im Besonderen im Pfingstereignis, wie es in der Apostelgeschichte beschrieben wird:

Einerseits ergreift der Geist Menschen in einer solchen Weise, dass sie wie betrunken herumtorkeln. Der Geist macht offensichtlich etwas mit ihnen: Die be-geisterten Menschen lassen die Kontrolle los, sie verhalten sich nicht mehr „konform“, sondern lassen sich mitreissen vom Geist. Andererseits aber schafft der Geist eine Klarheit: Denn auf einmal verstehen sich alle Menschen. Das Durcheinander und Chaos der verschiedenen Sprachen verschwindet und jeder versteht den oder die andere in der eigenen Sprache. Durch den Geist gibt es kein Sprachengewirr und kein Missverständnis mehr.

Diese beiden Wirkungsweisen des Geistes sind sehr unterschiedlich. Aber sie weisen beide auf menschliche Fähigkeiten hin: Der Mensch hat eine sinnliche emotionale – und eine rationale analytische Seite. Die sinnliche, emotionale Seite wird durch die erste Wirkung des Geistes an Pfingsten betont, indem er durch das Haus rauscht und die Menschen bewegt: Die Geistkraft durchweht die Welt, sie lässt den Menschen tanzen und singen, loben und preisen. Sie lässt ihn staunen über die Schönheit dieser Welt und kann ihn, wie in der Apostelgeschichte, richtiggehend mitreissen.

Dass der Geist einen erfasst, etwas mit einem macht, kann aber auch ganz unscheinbar passieren: Die Geistkraft kann sich darin zeigen, dass sich etwas verändert, unsere Sichtweise, unsere Stellung in der Welt anders wird. Wir können zum Beispiel spüren, dass wir von etwas berührt werden: dem Gesang eines Vogels, vom Lachen eines Menschen, der Abendstimmung über dem See. Und es kann passieren, dass wir uns in diesem Augenblick völlig verlieren und eine Erfahrung des Entrückseins machen dürfen. Wir spüren, dass das Leben in uns pulsiert, uns erfüllt, vielleicht sogar überfüllt. Eine innere Leere kann verschwinden, wir werden ausgefüllt von der Liebe, der Freude, der Leidenschaft. Vielleicht haben wir auch das Gefühl, wir hörten das Universum singen, wie es dem Schöpfer – oder Schöpferin – ein Lied singt und stimmen vielleicht auch selber ein. Wir gehen völlig auf in dem, was uns berührt und fühlen uns verbunden mit Gott und dieser Welt. Und wenn wir den Blick dann wieder abwenden, auf unseren Alltag, kann sich Belastendes in uns gelöst haben.

Die Geistkraft kann so unser Leben grundlegend verändern. Uns herausnehmen aus dem, was uns belastet, uns hineinstellen in eine neue Wirklichkeit und Kraft. Sie kann aufzeigen, dass in alles Lebendige durch den Geist verbunden ist, der diese Welt durchfliesst.

Aber der Geist berührt eben nicht nur die Emotionen. Sondern er hat auch eine, man könnte sagen, vernünftige Seite. Die Jünger sind zwar völlig ausser sich. Aber gleichzeitig bewirkt der Geist eine Klarheit. Auf einmal verstehen sich die unterschiedlichsten Menschen in der je eigenen Sprache, die jedem einzelnen am meisten vertraut ist.

Dass der Geist nicht nur entrückt und begeistert, sondern auch eine Klarheit und Vernunft schenkt, hat besonders Paulus aufgezeigt: So schreibt er im 1. Korintherbrief, dass es wichtiger sei, dass die Menschen sich gegenseitig verstehen, als dass jemand in Zungen rede, dass er also von Gott in einer unverständlichen Art und Weise spräche. „Wenn ihr schon“, schreibt Paulus, „um die Geistkräfte wetteifert, dann trachtet nach dem, was der Erbauung der Gemeinde dient.“ Und er fügt hinzu:

„In der Gemeinde will ich lieber fünf Worte mit meinem Verstand sagen als tausend Worte in Zungen.“ (1. Kor 14ff.)

Nach Paulus geht es im Glauben also nicht um etwas ausserordentliches, es steht nicht an erster Stelle, dass ich entrückt werde und etwas erzählen kann, was andere gar nicht verstehen. Sondern es geht darum, dass ich meinen Verstand brauche und den Glauben auch vernünftig erklären kann. Es geht um die Klarheit der Botschaft, die eigentlich ganz einfach ist: Die Beziehung zu Gott, zu den Mitmenschen und zu sich selber steht im Vordergrund. Das Christentum ist keine Religion, in der es darum geht, andere mit meiner Entrückung zu imponieren. Sondern es ist eine geerdete, auf Beziehungen ausgerichtete Religion. So ist es auch in diesem Pfingstwunder: Das eigentliche Wunder besteht darin, dass sich die Menschen gegenseitig verstehen.

Die Pfingstgeschichte zeigt so zwei scheinbar widersprüchliche Wirkungen des Geistes auf: Er entrückt – und er schafft Klarheit. Er ergreift Menschen – und lässt sie begreifen. Der Geist verbindet und bewirkt so Gegensätzliches. Und genau das, um nochmals auf die unpersonalen Gottesbilder zu sprechen kommen, macht sie eben so anspruchsvoll – und gleichzeitig bereichernd. Weil scheinbare Gegensätze verbunden werden. Gott ist eben nicht immer so eindeutig fassbar, wie man sich das vielleicht wünscht. Er kann manchmal auch ganz anders und überraschen wahrgenommen werden.

Diese Verbindung, die der Geist schafft, kann heilsam sein. Nicht nur im eigenen Leben. Sondern auch für diese Gesellschaft. Ich bin überzeugt, dass wir den Verstand und unsere Kreativität brauchen, um neue Gesellschaftsformen entwickeln zu können, etwas zu bewegen und einen Aufbruch zu wagen, der aufgrund der diversesten Krisen in unserer Welt nötig ist. Wie kann eine gerechtere Gesellschaft und Welt aussehen? Wagen wir es, andere, auch kreative und aussergewöhnliche Perspektiven einzunehmen? Was wollen wir für ein Wertesystem? Wagen wir es zu denken, dass die Fürsorge um Mitmenschen und die Schöpfung denselben Stellenwert haben soll wie das Erwirtschaften von Materiellem? Der Geist kann uns nach dem biblischen Zeugnis dabei unterstützen, beide Gaben einzusetzen.

Ist das nicht etwas naiv – so mag der eine oder der andere sich fragen – , zu meinen, wir könnten unser System verändern? Nein, ich glaube nicht. Denn auch ein entfesselter Kapitalismus, unter dem ganze Ökosysteme wie Regenwälder, Tundren oder Ozeane dem Profit geopfert werden, ist nicht einfach vom Himmel gefallen. Der Neoliberalismus ist eine Strategie, die besonders seit den 80-er Jahren entwickelt worden ist. Wir müssen nicht so weiter machen. Sondern der Mensch kann Systeme auch ändern. Und dazu braucht er seinen Verstand und seine sinnliche Seite.

Das Pfingstereignis zeigt uns, dass wir nicht alleine unterwegs sind. Sondern dass auch Gott mit seiner Geistkraft uns entgegenkommt, uns Mut und Hoffnung, Kraft und Zuversicht, einen Willen und auch eine Freude schenken kann, diese Welt mitzugestalten. Und so sind auch wir eingeladen, in unserem Leben und Alltag dem Geist nachzuspüren: wo erahnen wir etwas von dieser Kraft? Wo treibt der Geist uns hin? Wo werden wir gebraucht? Wenn wir diesen Fragen nachgehen, können auch wir selber ein Teil dieses Pfingstereignisses werden.

Amen.

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Kollekte

Protestantisch-kirchlicher Hilfsverein TG (angeordnet vom Kirchenrat)

 

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