Gottesdienst vom 08.08.2021 in Romanshorn

von

Audio Predigt

Info und Kontakte

Gottesdienstleitung: Lars Heynen

Musik: Bruno Sauder

Mesmer: Edith Lengacher

Predigt als Text

Thema: Die kanaanäische Frau

Predigttext: Matthäus 15,21-28

21Und Jesus ging weg von dort und zog sich zurück in die Gegend von Tyrus und Sidon.

22Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt.

23Und er antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen: Lass sie doch gehen, denn sie schreit uns nach.

24Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.

25Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir!

26Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.

27Sie sprach: Ja, Herr; aber doch fressen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.

28Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist gross. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.

 

Predigt Matthäus 15,21-28 Die kanaanäische Frau

Liebe Schwestern und Brüder,

wenn Sie jemand fragen würde: „Wie würdest du Jesus beschreiben?“, wie würden Sie antworten? Was würden Sie erzählen?

Wer an den Anfang zurückgeht und an Weihnachten denkt, würde vielleicht sagen: In Jesus ist Gott Mensch geworden. Und als Mensch hat er auf der Erde gelebt und den Willen Gottes getan.

Wer das Wichtigste seiner Lehre herausgreift, würde vielleicht sagen: Er hat Nächstenliebe gepredigt und sogar die Feindesliebe. Und dann fielen uns sicher viele Episoden aus Jesu Leben ein, oder das, was er dadurch gezeigt hat: Manche Wunder, die er getan hat, die Zeit, die er sich für die Kinder genommen hat. Seine Streitgespräche mit den Theologen der damaligen Zeit, die Art und Weise, wie er sich Menschen zugewandt hat und damit spürbar gemacht hat: Gottes Reich ist mit Jesus schon auf der Erde.

Es gibt sicher noch mehr zu sagen und zu erzählen, und wenn das gesagt wäre, dann wäre die Antwort immer noch nicht vollständig. Sie könnte darin münden, dass man sagt: Hier ist Jesus ein Vorbild und da würde ich ihm gerne folgen – zumindest am Sonntagmorgen – in der Woche ist das Ganze schon schwieriger.

Der Bibeltext, den wir vor dem letzten Lied hörten, ist eine Geschichte von Jesus, die anders ist, als das, was wir gerade überlegt haben. Sie wird manche überrascht, enttäuscht oder verärgert haben. Sie wird sicher niemanden unberührt lassen.


1.

Die Geschichte beginnt mit einer grossen Enttäuschung. Da kommt eine Frau auf Jesus zu, die ihn anfleht und schreit: „Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt.“

Ihre Hoffnung und ihre Erwartung ist gross. Wahrscheinlich hat sie schon viel über Jesus erfahren, hat gehört, wie er ohne Vorurteile den Menschen begegnet, wie er schon geheilt hat und wie viel Liebe von ihm ausgeht. „Er ist der Heiland der Welt“, hat sie vielleicht gehört – und diesen Heiland sucht sie voll Vertrauen auf.

Ich stelle mir vor, wie bitter das für sie gewesen sein muss, dass Jesus sie behandelt wie Luft. Als sei sie nicht da, würdigt er sie keiner Antwort. Er schweigt.

Sehen Sie, mit dem letzten Funken Hoffnung ist diese Frau zu Jesus gelaufen. Das ist schlimm, ausgerechnet dem, der die Hoffnung verkörpert, nicht einmal ein Wort wert zu sein. Immer lauter bittet sie: „Jesus hilf mir“ - aber nichts passiert. Die Situation wird auch für die Umstehenden zunehmend unerträglich. Die Jünger schalten sich ein und bitten Jesus ihrerseits: „Lass sie doch gehen, denn sie schreit uns nach.“

Wir wissen nicht, was genau die Jünger bezweckten. Ob sie mit ihrem Satz wirklich Jesus um Hilfe für die Frau bitten, oder ob ihnen die Situation zu peinlich wird und sie wieder in Frieden zusammen sein wollen. Was auch immer: Die Jünger spüren: Es muss etwas geschehen. So geht es nicht weiter.

Ihnen – nicht der Frau – antwortet Jesus: „Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.“

Die Antwort gilt den Jüngern, aber auch die Frau hört sie. Sie hört, was Jesus damit sagt: Du bist eine Heidin. Ich will mit dir nichts zu tun haben.

Voller Verzweiflung geht sie dazwischen und ruft noch einmal: „Herr, hilf mir!“

Und diesmal antwortet Jesus. Aber das, was er sagt, klingt nicht freundlich: „Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.“

Ich weiss nicht, wie es ihnen geht, aber ich finde, das ist ein heftiger Schlag ins Gesicht, dass Jesus diese verzweifelte Frau praktisch als Hund bezeichnet.

Ich habe selbst einen Hund. Ich mag Hunde. Aber ich weiss, es wäre hochgradig unsensibel, hier zu beschwichtigen und vielleicht zu sagen: Immerhin ist der Hund doch der beste Freund des Menschen. Eine solche Aussage ist für die Katz.

Nun gibt es aber auch Theologen, die beschwichtigen, und exegetisch, also von der Auslegung des Textes her, sagen: Wir müssen uns nicht empören über diese Geschichte, weil sie so gar nicht passiert ist. Die Evangelisten haben sie sich ausgedacht, weil sie ihrer Gemeinde erklären wollten, warum Jesus auch für die Heiden da ist.

Liebe Schwestern und Brüder,

das stimmt natürlich, dass unsere Geschichte darauf hinweist, dass Jesus auch zu den Heiden gesandt ist. Aber: Wenn das die Hauptaussage wäre, dann würde die Geschichte doch sicher anders erzählt sein. Nämlich etwa so, dass die Jünger die Frau abweisen. Dann könnte Jesus nämlich sagen: „Seid nicht so hartherzig. Ich bin doch für alle Menschen gekommen.“

Aber so ist es nicht erzählt. Jesus ist hier selbst hartherzig. Er muss sich selbst erst neu über das Ziel seiner Sendung bewusst werden, und wie das geschieht, erfahren wir später noch.

Das hängt nämlich eng mit der Frau zusammen, deren Begegnung mit Jesus bis jetzt eine einzige Enttäuschung ist. Ihr Vertrauen zu Jesus, ihr Glaube, gerät in starke Anfechtung, die wir heute mit Sicherheit auch kennen: Sollte sie sich in Jesus geirrt haben? Finden ihre Klage und Bitte kein Gehör? Will er mit mir nichts zu tun haben?

Wir kennen diese Fragen, weil wir auch voller Vertrauen Klage und Bitte zum Himmel schicken können. Wir wissen auch, wie es ist, wenn der Himmel schweigt. Manchmal eine Zeit lang, manchmal eine lange Zeit, vielleicht warten wir bis heute. Und dann überlegen wir, ob die wunderbaren Erlebnisse, die andere offenbar mit Gott haben, vielleicht einfach nicht für uns gelten.

 

2.

Bestimmt können wir die Frau aus unserer Geschichte gut verstehen, die Jesus zuerst nicht beachtet, dann schroff zurückweist mit dem Hinweis, dass er nicht für sie zuständig sei.

Sehen Sie, wenn diese Frau sich jetzt umdrehen würde, verletzt und immer noch verzweifelt, nun vielleicht auch noch wütend, dann könnte ich sie verstehen. Sie würde wohl denken: „Ich habe mich in dir getäuscht, Jesus. Und alle, die so gut von dir erzählt haben, die haben sich auch geirrt.“

So könnte sie reden und es wäre nur allzu verständlich. Aber sie tut es nicht.

Sie gibt Jesus recht: „Ja, Herr“, sagt sie. Sie meint: „Ich gehöre wirklich nicht zu deinem Volk. Und genaugenommen kenne ich den Gott Israels fast nicht. Ich bin kein Kind, das dazugehört und von dem Brot am Tisch essen darf.“

„Ja, Herr; ABER“, sagt sie. „Aber doch fressen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.“

Es ist wirklich so, wie sie berichtet. Wer Kinder hat und einen Hund, wird es bestätigen können. Unseren Kindern fällt regelmässig etwas vom Tisch herunter und nach den Mahlzeiten freut sich der Hund.

Die Frau in unserer Geschichte lässt nicht locker. Sie hört, was Jesus sagt und geht exakt darauf ein.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

hier, glaube ich, liegt das Wunder dieser Geschichte. Nicht erst in der Heilung des Kindes am Ende, sondern hier in der Mitte. Das Wunder ist, dass der Glaube der Frau auch in der Anfechtung nicht aufhört. Das Wunder ist, dass sie auch in der Abweisung ihr „Aber“ spricht.

Vielleicht ist das auch eine Lektion, die wir lernen können, wenn es um den Glauben geht. Wer glaubt, muss Abstand gewinnen von den eigenen Gefühlen und Empfindungen und muss Gott Recht geben. Das tut die Frau. Sie gibt Jesus Recht, akzeptiert sein Urteil über die Heiden, nimmt hin, dass sie keinen Anspruch gegen ihn hat.

Ihr Glaube beruht nicht allein auf den Erfahrungen, die sie gerade mit Jesus macht. Sie hat von anderen das Evangelium gehört, und diesem Wort vertraut sie mehr als der Erfahrung, die sie gerade macht.

Darum ersucht sie Jesus nur um so viel Barmherzigkeit, wie sie jeder Hausherr übt, der den Hunden das nicht vorenthält, was auf den Boden fällt.

 

3.

„Frau, dein Glaube ist gross.“

Ihr Glaube lässt Jesus nicht kalt. Er ist überrascht und überwältigt von ihrer Reaktion. Diese Frau hat verstanden, worum es im Glauben geht: Wahrer Glaube hält an Gott auch gegen Gott fest.

Sie hat gehört, dass Christus der Retter der Welt ist und erwartet darum etwas von ihm auch gegen den Augenschein. Sie kann sich an nichts festhalten, ausser am Wort. „Frau, dein Glaube ist gross.“ Ein Glaube, der es aushält, schlechte Erfahrungen zu machen, der durchhält, auch wenn es scheinbar nichts nützt: Solch einen Glauben wünsche ich mir und ihnen.

Diesem Glauben kann sich Jesus nicht verschliessen: „Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.“

Noch einmal: Das Kind wird geheilt, aber erzählt ist uns eigentlich eine Geschichte, die vom Wunder des Glaubens handelt. Das ist, meiner Meinung nach, der Hauptgegenstand in unserem Text. Auf zwei weitere Punkte möchte ich noch kurz eingehen. Der erste klang schon an:

 

4.

In der Begegnung mit der heidnischen Frau lernt Jesus. Denn in ihr tritt ihm ein Glaube entgegen, den er nur in Israel vermutet hat. Er erkennt: Gott, der Vater, hat die ganze Welt im Sinn. Es stimmt, dass er Israel zuerst auserwählt hat, aber schon in der hebräischen Bibel geht die Verheissung weit über Israel hinaus. Jesus lernt, dass er seinen Vater nicht nur Israel sondern, der Welt nahebringen muss.

Jesus ist in Israel zur Welt gekommen – eben: zur Welt ist er gesendet, damit sie Gott finden kann.

 

5.

Am Anfang unseres Abschnitts befindet sich ein Hinweis, wo die Geschichte sich abspielte. Demnach „zog sich [Jesus] zurück in die Gegend von Tyrus und Sidon“.

Tyrus war ein Ort, der den Juden als Beispiel für unrechten wirtschaftlichen Erfolg stand. Es galt als Ort, wo eine selbstherrliche Heidenwelt sich selbst als Gott feiert. Die Frau, die zu Jesus kommt, war es vielleicht gewohnt, am Tisch der Herren zu sitzen.

Aber sie lernt, dass auch der festlichste Tisch ihr in der Not nicht hilft. Im Glauben erkennt sie, dass es besser ist, wie ein Hund unter dem Tisch des Herrn zu warten.

Sie erkennt die Reihenfolge an, in der Gott die Welt zu ihrem Ziel führt. Sie weiss, dass sie nicht zu denen gehört, die zuerst erwählt wurden. Ihr Glaube sagt ihr, dass genug da ist für alle, dass selbst die Krümel, die vom Tisch fallen, ausreichen, um heil zu werden.

Um wieviel grösser ist die Botschaft, dass wir durch Jesus Christus Kinder Gottes sind, die mit am Tisch sitzen dürfen. Möge uns Gott den Glauben schenken, den die unbekannte Frau hatte, damit wir darüber froh werden.

Amen.

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Lemuel Haiti

Haïti bedeckt zwei Drittel der Fläche der Schweiz. Die ehemalige französische Sklavenkolonie ist das ärmste Land der westlichen Hemisphäre, was nicht zuletzt auf eine jahrhundertealte Geschichte der Unterdrückung und politischen Unsicherheit zurückzuführen ist. Die Hälfte der über zehn Millionen Einwohner und Einwohnerinnen lebt unterhalb der Armutsgrenze von einem Dollar am Tag. Arbeitslosigkeit, Rechtsunsicherheit, Misswirtschaft, politische Missstände, Abwanderung der Bildungsschicht (Brain Drain) und eine Zukunft ohne Hoffnung prägen den Alltag. Hier greift LEMUEL SWISS ein und schafft den Menschen Perspektiven für ein Leben in Würde.

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