Gottesdienst vom 10.10.2021 in Salmsach

von

Info und Kontakte

Gottesdienstleitung: Martina Brendler

Musik: Oliver Kopeinig

Mesmer: Edith Lengacher

Predigt als Text

Thema: Gottes freie Güte

Predigttext: Matthäus 20, 1-16

Liebe Gemeinde,

vielleicht kennt ihr dieses Gefühl:

ich stelle etwas her, sagen wir, ich lisme und nicht bloss einen Schal mit 2 links 2 rechts, sondern einen richtig tollen Pullover mit Zopfmuster und verschiedenen Farben, nach einem Muster, wo ich Maschen zählen muss. Den Pullover stricke ich für eine Freundin, zu deren Geburtstag eingeladen bin. Ich überreiche den Pullover und meine Kollegin nimmt das Geschenk und packt es aus und legt es in die Ecke. Eine andere Freundin bringt einen Blumenstrauss von der Tankstelle – und erntet einen Begeisterungsturm und 100x danke und das ist der tollste Blumen Strauss überhaupt.

Dieses Gefühl, die andere hat nichts gemacht, sich keine Mühe gegeben, und trotzdem hat sie mehr Erfolg als ich und erringt mit ihrem Blümchen soviel mehr Aufmerksamkeit. Obwohl ich mir so viel Mühe gegeben habe und so viel Zeit und Sorgfalt in das Selbstgemachte geschenkt gelegt. Das ist gemein, ungerecht. Ein blödes Gefühl. Enttäuschung.

 

Anderes Beispiel:

Eine Familie mit fünf Kindern: der oder die Erstgeborene hat naturgemäss Aufmerksamkeit, weil er oder sie die erste ist.

Die Jüngste ebenso, die bekommt Welpenschutz. Dazwischen sind die Plätze 2, 3 und 4 – wovon 4 der undankbarste ist.

Egal, was Nummer vier macht, die Wahrscheinlichkeit, dass Nummer 1, 2 und drei das auch schon gemacht haben oder das Nr. 5 das ebenfalls vorhat, ist gross. Gleich, ob es um gute Leistungen in der Schule geht oder um Streiche, die man den Nachbarn spielt – wenn so viele Wege vorgebahnt sind, braucht es viel mehr Energie, um den eigenen Weg zu gehen, um einzigartig zu sein, sich abzuheben von den andern. Das Gefühl ist auch hier Frust: die anderen sind schneller, besser, und bekommen in jedem Fall mehr Aufmerksamkeit.

So scheint es auch in unserem Gleichnis zu sein. Ungerechte Bezahlung. Und dann heisst es auch noch, das sei so in Gottes kommendem Reich?

Wie kann das sein?

 

Matthäus 20, 1-16 1 »Wenn Gott sein Werk vollendet, wird es sein wie bei dem Weinbergbesitzer,[1] der früh am Morgen auf den Marktplatz ging, um Leute zu finden und für die Arbeit in seinem Weinberg anzustellen. 2 Er einigte sich mit ihnen auf den üblichen Tageslohn von einem Silberstück, dann schickte er sie in den Weinberg. 3 Um neun Uhr ging er wieder auf den Marktplatz und sah dort noch ein paar Männer arbeitslos herumstehen. 4 Er sagte auch zu ihnen: ›Ihr könnt in meinem Weinberg arbeiten, ich will euch angemessen bezahlen.‹ 5 Und sie gingen hin. Genauso machte er es mittags und gegen drei Uhr. 6 Selbst als er um fünf Uhr das letzte Mal zum Marktplatz ging, fand er noch einige herumstehen und sagte zu ihnen: ›Warum tut ihr den ganzen Tag nichts?‹ 7 Sie antworteten: ›Weil uns niemand eingestellt hat.‹ Da sagte er: ›Geht auch ihr noch hin und arbeitet in meinem Weinberg!‹ 8 Am Abend sagte der Weinbergbesitzer zu seinem Verwalter: ›Ruf die Leute zusammen und zahl allen ihren Lohn! Fang bei denen an, die zuletzt gekommen sind, und höre bei den ersten auf.‹ 9 Die Männer, die erst um fünf Uhr angefangen hatten, traten vor und jeder bekam ein Silberstück. 10 Als nun die an der Reihe waren, die ganz früh angefangen hatten, dachten sie, sie würden entsprechend besser bezahlt, aber auch sie bekamen jeder ein Silberstück. 11 Da murrten sie über den Weinbergbesitzer 12 und sagten: ›Diese da, die zuletzt gekommen sind, haben nur eine Stunde lang gearbeitet, und du behandelst sie genauso wie uns? Dabei haben wir den ganzen Tag über in der Hitze geschuftet!‹ 13 Da sagte der Weinbergbesitzer zu einem von ihnen: ›Mein Lieber, ich tue dir kein Unrecht. Hatten wir uns nicht auf ein Silberstück geeinigt? 14 Das hast du bekommen, und nun geh! Ich will nun einmal dem Letzten hier genauso viel geben wie dir! 15 Ist es nicht meine Sache, was ich mit meinem Eigentum mache? Oder bist du neidisch, weil ich großzügig bin?‹« 16 Jesus schloss: »So werden die Letzten die Ersten sein und die Ersten die Letzten.«

 

Ein Landwirt wirbt früh am Morgen Arbeiter für seinen Weinberg an; über einen Silbergroschen als Tageslohn wird er als Arbeitgeber mit den Arbeitnehmern einig. Es ist ein leistungsgerechter, akzeptabler Verdienst. Zur dritten Stunde dingt er weitere Tagelöhner und wird einig über das, was recht und billig ist. In der Mittagshitze der sechsten Stunde stellt er wieder Arbeiter zu denselben Konditionen ein und dann abermals zur neunten Stunde. Und als er Arbeitssuchende am frühen Abend zur elften Stunde sieht, wirbt er auch diese zur Arbeit im Weinberg an.

 

Am Ende des Tages zahlt er allen durch den Verwalter den Lohn aus.

Es kamen zuerst die Arbeiter, die der Landwirt am Abend zur elften Stunde gedingt hatte; da empfing jeder einen ganzen Silbergroschen.

So auch die zur neunten, sechsten und dritten Stunde. Als nun die „Ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen“.

Sie murrten, als sie den vereinbarten Silbergroschen als Lohn empfingen. Hatten sie nicht über den ganzen Tag bei stechender Mittagssonne die schweißtreibende Arbeit geleistet?

Und nun der gleiche Lohn wie die Spätgekommenen? Soll das etwa leistungsgerecht sein? Man vergleicht; man murrt, ist wütend, empört.

Das Gefühl, zu kurz gekommen zu sein, macht sich breit.  

Neid durch Vergleichen gegenüber dem, der mehr hat, weckt oft das Gefühl, zu kurz gekommen zu sein, ein Ressentiment

Im Zusammenleben kennen wir das.

Im gesellschaftlichen und politischen Geschehen erfahren wir das heutzutage in einer Zeit der Extreme.

Nicht selten eskaliert Neid über Hetze in Hass;

Hass aber spaltet im Privaten, Sozialen und Politischen. Gesteigert durch den Einsatz von verbaler und physischer Gewalt, wird Leben verletzt und Zukunft zerstört.

Die sozialen Medien noch, weil man sich da verstecken kann und anonym bleiben.

Aber ist es nicht doch ungerecht?

Ist es nicht eigentlich eine Unverschämtheit, wenn wir an das Beispiel mit dem Pullover denken, dass sich meine Freundin das gar nicht wahrnimmt, was ich da alles an Arbeit reingesteckt habe?

Liebe Gemeinde, der Weinberg Besitzer in unserem Gleichnis  ist Gott. Er erinnert die unzufrieden Murrenden: „Einig geworden sind wir doch über einen Silbergroschen: gerechter Lohn. Nimm und geh. Den Spätgekommenen will ich dasselbe geben, frei, weil ich gütig bin“.

 

Was menschlichem Gerechtigkeitsgefühl widerspricht, das ist Gottes frei lohnende Güte, die Segen schenkt, mehr als zusteht. Das ist der eigentliche Kern. Da, wo menschliche Maßstäbe bilanzieren: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“, da lässt Gottes Güte Spätkommenden mehr zukommen, als sie verdient haben und ihnen zusteht.

In dieser „Gegenwelterzählung“ Jesu aus dem Arbeitsleben geht es nicht um abstraktes Berechnen von „Barmherzigkeit und Gerechtigkeit“ oder den juridischen Grundsatz „Gnade vor Recht“.

Jesu Predigt vom Reich Gottes erzählt vielmehr von Gottes freier Güte, die menschliche Vorstellungen aus den Angeln hebt.

Menschen, Mitmenschen und Mitwelt, leben aus Gottes unverfügbarer Güte.

Leben kann man sich nicht selbst geben; Leben wird gegeben.

 

Liebe Gemeinde, wir leben aus Gottes freier Güte.

Und mehr als wir verdienen, wird gegeben.

Wir sind Beschenkte, deshalb müssen wir nicht eifersüchtig aufeinander sein. Gott lohnt nicht, Gott liebt.

Was bedeutet das für unser Miteinander – sollen wir aufhören, uns mit irgendwas Mühe zu geben, weil Gott je sowieso alle lieb hat? Sollen wir nur noch auf die Schnelle irgendwo ein Geschenk kaufen, statt sich Gedanken zu machen und einen Pullover zu stricken?

Ist es egal, was man tut, weil Gott ja sowieso verzeiht?

Das Gleichnis sagt uns, ja, Gottes Liebe ist unverfügbar, die ist nichts, was wir durch unsere Leistung erringen. Sondern er schenkt sie und, weil er es will und kann. Sein Blick auf uns Menschen ist anders als Menschenblicke untereinander. Es geht um das Reich Gottes, das noch kommt, nicht um etwas, das wir leisten müssen damit es kommt.

Gottes Liebe ist unverfügbar und gilt allen seinen Geschöpfen, auch denen, die zu spät kommen, auch denen, die vielleicht nicht schnell genug sind, auch denen, die nicht genügen, auch denen die es nach den Massstäben dieser Welt nicht schaffen.

Und sie ist umsonst. Mehr brauchen wir nicht.

Ein Silbergroschen steht für  das, womit man einen Tag leben kann. Kein Reichtum, keine Armut, sondern genug zum Leben. Und das geschenkt. Auch für die, die es nicht «verdient» haben. Spätestens dann wenn wir älter werden spüren wir, wie ermutigend und wohltuend diese Botschaft ist. Gottes Liebe ist umsonst.

Als dieses Gleichnis aufgeschrieben wurde, ging es auch um Eifersucht unter Geschwistern, weil die Jesusnachfolger auch das Gefühl hatten, egal, wohin wir kommen, in jeder Synagoge wird schon das Wort Gottes gepredigt und auf dem Marktplatz der Stadt gibt es sowieso schon 1000 andere Götter und Göttinnen, alle schöner und cooler sind als ein gekreuzigter.

Wohin sie auch kamen, andere waren schon vorher da.

Und an den älteren Geschwistern, die nicht von der neuen Botschaft hören wollten und alles besser wussten, hat man sich besonders gerieben.

«Gott lohnt nicht, Gott liebt», war ganz klar auch ein Trost für die neue Jesusbewegung, die später dazu kam. Andere hatten schon jahrelang im Weinberg gearbeitet.

Wenn Gott liebt und nicht Stunden aufschreibt, dann haben die späteren auch eine Chance. Und dann muss man nicht aufeinander eifersüchtig sein.

 

Downloads
Kollekte

Food for the Hungry Vreni Rutishauser

FH Schweiz ist eine christliche Entwicklungsorganisation, die 1996 gegründet wurde und ihren Sitz in Genf hat. Seit 2007 hat FH Schweiz auch ein Büro in der Deutschchweiz. FH bekämpft  Armut in allen Formen und dies in Zusammenarbeit mit den betroffenen Gemeinschaften und Familien. FH konzentriert sich auf die Entwicklung der Dorfgemeinschaften. Dabei verfolgen sie das Ziel, Ernährungssicherheit für alle zu gewährleisten, sowie die Lebensbedingungen der Familien und Gemeinschaften zu verbessern. Daran sind die Begünstigten aktiv beteiligt und ihre Kompetenzen als Einzelne und als Gemeinschaft werden gestärkt.

Zurück