Gottesdienst vom 24.10.2021 in Romanshorn

von

Audio Predigt

Info und Kontakte

Gottesdienstleitung: Meret Engel

Musik: Silvia Seipp

Mesmer: Edith Lengacher

Predigt als Text

Thema: Von der notwendigen Zwietracht

Predigttext: Mt 10, 34 - 39

Von der notwendigen Zwietracht

Jesus spricht: Meint nicht, ich sei gekommen, Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, einen Mann mit dem Vater zu entzweien und eine Tochter mit der Mutter und eine Schwiegertochter mit der Schwiegermutter; und zu Feinden werden dem Menschen die eigenen Hausgenossen.

Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und hinter mir hergeht, ist meiner nicht wert. Wer sein Leben findet, wird es verlieren; wer sein Leben verliert um meinetwillen, wird es finden.

 

Predigt

Liebe Gemeinde

Wie geht es Ihnen, wenn Sie diesen Text hören? Es ist, so empfinde ich es, ein sperriger Text, der nicht zur Liebes- und Friedensbotschaft von Jesus zu passen scheint. Hat Jesus nicht zum Frieden aufgerufen? Und was ist mit der Nächstenliebe, die ja gleich anschliessend an das höchste Gebot genannt wird, Gott zu lieben? Es sind auch harte Worte, die Jesus verwendet: Er bringe das Schwert, nicht den Frieden. Und wer seine Mutter oder sein Kind mehr liebe als Gott, sei seiner nicht wert. Eine Nebenbemerkung: Diese Worte mögen für Menschen, die im Namen Gottes physische oder psychische Gewalt erfahren haben, bitter klingen, weil sie einer Realität entsprechen, die sie erdulden mussten oder müssen: Es gibt leider nach wie vor Menschen, die im Namen Gottes geschlagen, gedemütigt, klein gehalten oder missbraucht werden – man soll Gott, so das zynische Argument, ja mehr lieben als Menschen! Aber das lässt sich ja nicht mit einem liebenden Gott vereinbaren.

Was also fängt man mit solch einem Text an? Man kann versuchen, ihn historisch einzuordnen: Matthäus stammte aus dem judenchristlichen Milieu, also aus der Bevölkerungsschicht, die jüdisch war, sich aber zu Christus bekannt hat. Seine Aussagen können darum auf dem Hintergrund verstanden werden, dass eine Konversion zu Familienstreitigkeiten und Entzweiung führen konnte.

Das ist historisch auch belegt: Es kam zu Spannungen innerhalb von Familien und Ausschlüssen aus der Synagoge von Juden, die sich zu Jesus bekannt haben. Mit dieser historischen Deutung bleibt aber die Frage offen, was der Text heute mitgeben kann – wir leben ja in einer anderen Zeit als im 1. Jh. So versuche ich mich, dem Text von einer anderen Seite her anzunähern. Ich denke, dass sich das lohnen kann: Denn nicht selten sind es gerade die schwierigen, sperrigen Texte, die nicht in das Bild von einem lieben und sanftmütigen Gott passen, die einen im Glauben weiterbringen können.

Ich möchte mit dem zweiten Teil anfangen, in welchem Jesus sagt, dass der oder die, die ihre Mutter, ihren Vater oder ihr Kind mehr liebt als Gott, seiner, also Jesus, nicht wert sei. Diese Aussage wirkt harsch und unbarmherzig. Wird da nicht unmenschliches verlangt? Lässt man diese Worte aber auf sich wirken, kann es sein, dass sie auch etwas Befreiendes auslösen können. Das ist vielleicht auch die Stärke und Kraft, die sperrige Texte haben können: Dass sie etwas in Worte fassen, das nicht gewagt wird zu denken, geschweige denn, auszusprechen - eine Sehnsucht, ein Streben, eine Ahnung - weil es den Konventionen widerspricht oder dem, was man gelernt hat, was sich gehöre oder nicht.

Die Aufforderung, Gott mehr zu lieben als die nächststehenden Menschen, gibt nämlich Raum zur eigenen Entwicklung. Sie zeigt auf, dass es einen Abstand, eine Distanz geben darf zwischen uns und unseren Eltern oder Kindern. Die Liebe zu Gott ist wichtiger als die Liebe zu den Eltern, kann dann heissen: Dem eigenen Weg und Herzen, der eigenen Bestimmung zu folgen – auch wenn damit vielleicht die Eltern brüskiert werden. Und umgekehrt kann es heissen: Kinder dürfen kein Projekt ihrer Eltern sein, sondern sie haben das Recht, sich selber zu werden, oder, um es biblisch auszudrücken, ihrer eigenen Gaben zu entfalten und ihrer Berufung zu folgen.

Ein bekanntes Beispiel eines Menschen, der gegen den Willen seiner Eltern den eigenen Weg ging, war Martin Luther: Er kam aus einer angesehenen, wohlhabenden Familie und es war vorgesehen, dass er Jurist werden würde. Zunächst ging er auch den von der Familie gewünschten Weg. Doch seine Anfechtungen und seine Suche nach einem gnädigen Gott liessen ihn nicht los und so entschied er sich, Theologie zu studieren. Damit war sein Vater alles andere als glücklich und es kam zu einer Entfremdung. Erst, als Martin Luther Jahre später Katharina von Bora heiratete, war eine Versöhnung wieder möglich.

Den Text im Matthäusevangelium kann man so verstehen, dass Jesus diese Berufung des einzelnen Menschen und das Hören auf das eigene Gewissen als wichtiger ansieht als die Loyalität gegenüber seinen Nächsten. Er setzt die Liebe zu Gott über die Liebe zu den Menschen.

Damit weist er darauf hin, dass die menschliche Liebe brüchig, verletzbar ist, weil auch der Mensch nicht vollkommen ist. Es kann auch eine – falsch verstandene – Form von menschlicher Liebe geben, die dem anderen keine Freiheit zur eigenen Entscheidung und keinen Raum zum Atmen überlässt. Die Aussagen von Jesus können darum herausführen aus einer Vorstellung, man müsse dem anderen immer gefallen oder das machen, was sich andere wünschen. Sie können befreiend wirken, weil sie Wege aufzeigen können aus einengenden, lebensfeindlichen Strukturen, aus dem Gefühl, man sei in einer Rolle gefangen oder müsse das Leben einer anderen leben. Im Extremfall kann der Text einem sogar herausführen aus einem Netz aus Lügen, in denen man sich etwas vormacht, weil man nicht zu sehen wagt, was ist. Man muss nicht immer alles herunterschlucken, schweigen oder verdrängen aus «Liebe zum Frieden», weil das letztlich keine Liebe ist.

Man kann diesen Text aus dem Matthäusevangelium darum als Einladung zu einer radikalen Ehrlichkeit verstehen, zum Mut zum Widerspruch und zur Eigenständigkeit. Denn er stellt auch die Frage nach der eigenen Identität: Definiere ich mich über die Eltern, die ich habe? Über meine Kinder, wenn ich welche habe oder – man könnte dies auch erweitern – über meine Freunde? Oder definiere ich mich unabhängig von anderen Menschen über mich, habe ich den Mut meinen eigenen Weg zu gehen, meinem Gewissen zu folgen und mute ich anderen meine Wahrheit zu?

Das kann sehr anspruchsvoll sein und darum ist es wohl auch kein Zufall, dass Jesus im Anschluss sagt: «Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und hinter mir hergeht, ist meiner nicht wert.» Es mag unausweichliche Widerstände, Herausforderungen, Abgründe, Ängste geben, wenn man den eigenen Weg geht. Es ist oftmals bequemer, in vorgegebenen Bahnen zu bleiben, als einer tieferen Ahnung nachzugehen.

Wenn Jesus davon spricht, dass man das Kreuz auf sich nehmen soll, ist damit aber keine Opferbereitschaft im Sinne einer Aufopferung gemeint. Ich glaube nicht, dass Gott ein Opfer oder sogar das Leiden der Menschen braucht oder will, damit er uns lieben kann. Vielmehr kann es heissen, sich (wie auch Jesus selber es getan hat) dem Leben zu stellen, auch wenn es unangenehm werden kann. Die Fähigkeit zu entwickeln, das Leiden zu sehen, im eigenen, aber auch im Leben von anderen: ungelebte Möglichkeiten, verdeckte Fähigkeiten, Verstrickungen, die uns oder auch andere trennen von der Lebendigkeit. Sich zu konfrontieren mit dem, was man spürt, manchmal auch nur erahnt oder vielleicht schon längst weiss – aber nicht den Mut hatte, es auszusprechen. Kontrolle loszulassen (die wir sowieso nie ganz haben über unser Leben), der Unverfügbarkeit Raum zu lassen, den Geist Gottes hineinlassen in das je eigene Leben und Herz. Gottes Gott mehr zu lieben als die Nächsten ist darum kein Egoismus – so könnte diese Aussage vielleicht auch verstanden werden. Es kann vielmehr heissen: sich zu weiten, zu öffnen nicht nur für die Nächsten. Sondern sich einzusetzen für eine umfassende Gerechtigkeit und den Blick für das grosse Ganze nicht zu verlieren. Es geht, so denke ich, letztlich auch um die Feindesliebe, die nur möglich ist, wenn ich auch in einem mir fremden Gegenüber Gottes Angesicht erkennen kann. Es mag sein, dass man in diesem Prozess tatsächlich sein eigenes Leben verliert: das Leben, das man sich vorgestellt hat. Es ist vielleicht ganz anders gekommen, als man es geplant hat und man wird sich zwischendurch vielleicht selber fremd. Aber – vielleicht haben Sie das auch schon erfahren – wenn man das annehmen kann, dass sich das Leben anders entwickelt, dass, wieder biblisch gesprochen, der innere Ruf einen in eine andere Richtung zieht, kann sich eine neue Lebensspur abzeichnen. Man kann sich dieser Berufung hingeben, Sicherheiten und Kontrollmechanismen loslassen, sich Gott anvertrauen und so neues Leben gewinnen. Eine Randbemerkung: Dieser Prozess ist sehr anspruchsvoll und nicht immer gelingt es mir, diesen Weg auch zu gehen. Denn er ist nicht gratis zu haben.

Und damit komme ich zum ersten Teil des Textes: Vielleicht kann man die Aussage von Jesus, dass er das Schwert und nicht den Frieden bringt, auch dahingehend verstehen: Wer Konventionen bricht und neue Wege geht, kann zum Unruhestifter werden. Wer unbequeme Fragen stellt, kann zum öffentlichen Ärgernis werden. Letztlich hat auch Jesus selber das Schwert gebracht in dem Sinne, dass er ein Unruhestifter geworden ist und die öffentliche Ordnung gestört hat.

Dieser Text kann aber nicht nur auf der persönlichen Ebene verstanden werden, sondern nimmt auch einen gesellschaftlichen Aspekt auf: Die Menschheit steht vor einschneidenden Veränderungen im Zusammenhang mit der Klimakrise. Die nächsten 10 Jahre werden entscheidend sein in der Frage, ob wir es schaffen, die Erderwärmung unter einem gewissen Mass zu halten – oder ob weite Teile der Erde unbewohnbar sein werden, mit allen Folgen wie Flucht, Hunger, Aussterben von Arten, Überflutungen, Hurrikans und Hitzewellen.

Es gibt heute nicht mehr viele Menschen, welche die Klimakrise und ihre Folgen leugnen. Aber es braucht auch einen Wertewandel und ein Systemwechsel. Solange man nach wie vor reich werden kann mit der Verschwendung von Ressourcen oder dem Erzeugen von CO2, sind die Anreize falsch gestellt. Die Aussage von Jesus, dass man Gott mehr lieben soll als seine Eltern, kann darum auch heissen: Eine Generation kann und muss sich bisweilen lösen von Ansichten und Vorstellungen der vorherigen Generationen und ihrer Wertvorstellungen  – und umgekehrt, nachfolgende Generation müssen und sollen die Möglichkeit erhalten, die Welt anders zu gestalten. Der Text kann so auch Mut machen, dass gesellschaftliche Veränderungen möglich sind und sein dürfen. Wir können die Welt und ihre Strukturen verändern – sie sind nicht in Stein gemeisselt.

«Meint nicht, ich sei gekommen, Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.» «Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert.»

Ich muss gestehen, dass ich diese Worte nach wie vor sperrig und herausfordernd finde. Aber sie können auch eine Veränderung anstossen, einen herausholen aus einer gemütlichen Bequemlichkeit oder einer passiven Haltung. Manchmal braucht es den Mut zur Konfrontation, die Fähigkeit, aufzustehen und hinzustehen. Um gerade dadurch die Liebe zu Gott in diese Welt hineinzubringen.

Amen.

 

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Kollekte

Food for the Hungry Vreni Rutishauser

FH Schweiz ist eine christliche Entwicklungsorganisation, die 1996 gegründet wurde und ihren Sitz in Genf hat. Seit 2007 hat FH Schweiz auch ein Büro in der Deutschchweiz. FH bekämpft  Armut in allen Formen und dies in Zusammenarbeit mit den betroffenen Gemeinschaften und Familien. FH konzentriert sich auf die Entwicklung der Dorfgemeinschaften. Dabei verfolgen sie das Ziel, Ernährungssicherheit für alle zu gewährleisten, sowie die Lebensbedingungen der Familien und Gemeinschaften zu verbessern. Daran sind die Begünstigten aktiv beteiligt und ihre Kompetenzen als Einzelne und als Gemeinschaft werden gestärkt.

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