Gottesdienst vom 26.09.2021 in Romanshorn

von

Audio Predigt

Info und Kontakte

Gottesdienstleitung: Meret Engel

Musik: Musikverein

Mesmer: David Züllig

Predigt als Text

Thema: Erntedank

Predigttext: Psalm 19: Gottes Herrlichkeit in seiner Schöpfung und in seinem Gesetz

Die Himmel erzählen die Ehre Gottes,

und die Feste verkündigt seiner Hände Werk.

Ein Tag sagt's dem andern,

und eine Nacht tut's kund der andern,

ohne Sprache und ohne Worte; unhörbar ist ihre Stimme.

Ihr Schall geht aus in alle Lande

und ihr Reden bis an die Enden der Welt.

Er hat der Sonne ein Zelt am Himmel gemacht;

sie geht heraus wie ein Bräutigam aus seiner Kammer

und freut sich wie ein Held, zu laufen die Bahn.

Sie geht auf an einem Ende des Himmels

und läuft um bis wieder an sein Ende,

und nichts bleibt vor ihrer Glut verborgen.

 

Das Gesetz des HERRN ist vollkommen

und erquickt die Seele.

Das Zeugnis des HERRN ist gewiss

und macht die Unverständigen weise.

Die Befehle des HERRN sind richtig und erfreuen das Herz.

Die Gebote des HERRN sind lauter und erleuchten die Augen.

Die Furcht des HERRN ist rein und bleibt ewiglich.

Die Rechte des HERRN sind wahrhaftig, allesamt gerecht.

Sie sind köstlicher als Gold und viel feines Gold,

sie sind süßer als Honig.

Auch lässt dein Knecht sich durch sie warnen;

und wer sie hält, der hat großen Lohn.

Wer kann merken, wie oft er fehlet?

Verzeihe mir die verborgenen Sünden!

Bewahre auch deinen Knecht vor den Stolzen,

dass sie nicht über mich herrschen;

so werde ich ohne Tadel sein und unschuldig bleiben

von großer Missetat.

Lass dir wohlgefallen die Rede meines Mundes

und das Gespräch meines Herzens vor dir,

HERR, mein Fels und mein Erlöser.

 

 

Predigt

Liebe Gemeinde

Die Landfrauen haben hier vorne die Schöpfung Gottes nachgestellt und man kann sich so vorstellen, wie der Beter des Psalmes die Schöpfung wahrnimmt, sie lobt und preist:

Das Firmament in der Nacht ist das Werk der Hände Gottes, der die Sterne und den Mond an den Himmel gesetzt hat. Die Nacht und der Tag kommunizieren ohne Worte miteinander: der Tag gibt das Lob Gottes der Nacht weiter und umgekehrt. Gott hat der Sonne ein Zelt errichtet, in das sie sich in der Nacht zurückziehen kann und aus dem sie am Morgen wie ein Bräutigam (auf hebräisch ist die Sonne männlich) hinauskommt und über den Himmel zieht. Und am siebten Tag hat Gott sein Werk angeschaut und war sehr zufrieden damit. Dann ruhte er sich aus und freute sich über die Farben, Formen, Klänge, die Vielfalt und Lebendigkeit in seiner Schöpfung.

Die Bibel erzählt so in poetischen Bildern, wie Gott die Welt geschaffen hat. Manche würden vielleicht auch sagen: Weltfremde Bilder. Letzthin sass ich im Zug und hörte, wie ältere Menschen über die Bibel sprachen: «Die Bibel», sagte einer zu den anderen «ist nur ein Märchenbuch, nichts mehr». Ja, liest man den Psalm 19, so könnte man auf den Gedanken kommen, die Bibel sei nur ein Märchenbuch: Wissen wir nicht schon längst, dass sich die Erde um die Sonne dreht, das All über 4 Milliarden Jahre alt ist und unser Sonnensystem nur ein kleiner Klecks innerhalb von Billionen von unbekannten Galaxien liegt? Das Weltall ist sogar so gross, dass wir noch Sterne am Himmel sehen, die längst erloschen sind, aber das Licht von ihnen ist immer noch unterwegs zu uns, so dass wir sie noch am Himmel sehen.

Wenn man das alles weiss – was soll man dann noch mit der Bibel anfangen? Hat der Mann nicht recht, der meint, sie sei nur ein Märchenbuch?

Nun ja, so kann man denken. Aber ich wage kritisch zu fragen: Wie ist es eigentlich mit unserem Blick heute auf die Realität? Ist es nicht seltsam, dass der Mensch es zulässt, dass die Erde zunehmend zerstört wird und sich verhält, als gäbe es noch zwei, drei, vier andere Erden? In diesem Jahr ist in Madagaskar eine erste Hungersnot ausgebrochen, die nachweislich auf die Klimakrise zurückzuführen ist: seit vier Jahren hat es in Madagaskar nicht mehr geregnet und nun sterben dort Menschen, die nichts zur Klimakrise beigetragen haben. Sie sind die ersten, die den bitteren Preis für den zerstörerischen Umgang des Menschen mit der Natur bezahlen müssen.

Bevor also die Bibel als Märchenbuch abgetan wird, wäre es überlegenswert, über die Vorstellung von Realität und das Verhalten des Menschen in Bezug auf seine Umwelt nachzudenken. Und damit komme ich zurück zur Bibel.

Denn der Bibel geht es nicht darum, genau zu erzählen, wie die Welt entstanden ist. Sondern ihr geht es um die Stellung des Menschen in der Schöpfung und um seine Beziehung zu den anderen Menschen, zu sich selber und zu Gott. Das zeigt sich auch im Psalm 19:

Der Beter dankt Gott, der diese Welt erschaffen hat. Er sieht in den Bergen, den Flüssen, dem Himmel und den Geschöpfen Gottes Hand. Er nimmt die Schöpfung als lebendiges Gegenüber war, liebevoll von Gott geschaffen, das sich mitteilen kann, empfindsam ist und in Kontakt mit Gott steht. Und der Mensch ist hineingestellt in diese berührbare, kommunizierende, bewegliche, singende Welt. Das ist für den Beter denn auch der Grund, um dankbar zu sein: Dass es diese Welt überhaupt gibt, dass er ein Teil der Schöpfung, ein Teil eines grösseren Ganzen sein darf, aufgehoben, eingebettet in Gottes Hand, die Leben will und ermöglicht. Um diese Dankbarkeit geht es auch im Erntedankgottesdienst: Es ist nicht selbstverständlich, dass etwas auf den Feldern wächst, wir ernten dürfen und einen vollen Teller haben.

Aber, so fragt sich vielleicht der eine oder andere, was bringt es mir, wenn ich dankbar bin? Das ist eine moderne Frage, die sich die Menschen früher kaum gestellt haben. Heute aber wird die Autonomie des Menschen und damit die Frage der Nützlichkeit für das Individuum viel höher gewichtet als in den vergangenen Jahrhunderten. Ich finde diese Entwicklung übrigens nicht ganz unbedenklich, denn es geht ja nicht nur um den Eigennutz, sondern auch um die Gesellschaft als Ganzes. Aber ich möchte dieser Frage nicht ausweichen und komme damit zurück auf den Psalm 19:

Der Psalmist lobt nicht nur die Schöpfung, sondern er denkt auch über den Stellenwert von Gold und Gottes Weisungen nach: Die Weisungen Gottes, so schreibt er, sind viel mehr wert als alles Gold. Dieser Gedanke kann dazu einladen, über das Verhältnis nachzudenken von Geld einerseits und Werten wie Liebe, Bescheidenheit und Sorgfalt andererseits – allesamt Werte, die Gottes Weisungen sind.

In diesem Zusammenhang kommt mir ein Artikel in den Sinn, der vor einiger Zeit in der NZZ veröffentlicht worden ist und der aufzeigt, wie sich der Preis eines Blumenkohls ergibt: Wie hart – diejenigen von Ihnen, die in der Landwirtschaft tätig sind, werden das wissen – die Verhandlungen zwischen den Grossverteilern und den Landwirten geführt werden und was der Blumenkohl alles «erfüllen» muss, damit er überhaupt in die Regale kommt: keine Flecken, keine Druckstellen und keine Blättchen zwischen den einzelnen Röschen, um nur einige Punkte zu nennen. Gemüse, das diese Richtlinien nicht erfüllt, landet in der Biogasanlage – für zweitklassige Ware gibt es in der Schweiz keinen nennenswerten Markt.

Das kann zu Fragen führen: Welchen Stellenwert haben Nahrungsmittel in unserer Gesellschaft? Wie viel ist eine Gesellschaft bereit, für ein nachhaltiges Handeln und Leben zu investieren, so dass die Umwelt geachtet wird, aber auch Menschen ein anständiges Einkommen haben und nicht ständig Existenzängste haben müssen? Was sind die Kriterien, nach denen gewirtschaftet wird?

Wird das Gold über die Weisung Gottes gesetzt, um auf den Psalm 19 zurückzukommen, ist möglich, durch Zerstörung der Schöpfung oder durch die Ausbeutung von Menschen Geld zu machen, ist das der falsche Weg, der keinen Segen bringt. Damit nimmt die Bibel eine Realität auf, mit der die Menschheit zunehmend konfrontiert wird.

Ist die Bibel ein Märchenbuch? Nein, für mich ist sie es definitiv nicht. Denn sie zeigt uns einen anderen Zugang zur Welt auf: sie ist eine singende, berührbare, durchlässige Welt, die lebt. Die von einem Gott erschaffen wurde, der Freude hat an der Vielfalt seiner Geschöpfe und der traurig ist, wenn der Mensch nicht sorgfältig mit seinem Garten umgeht.

Und vielleicht ist es darum gerade die Dankbarkeit, die wir heute auch ausdrücken, die den Menschen letztlich dazu bringen kann, einen anderen Umgang mit der Schöpfung zu finden. Denn wenn man im Wald, im Ozean, in den Bergen, in der Erde nicht nur Ressourcen sieht, die man nutzen, brauchen, schürfen kann, sondern die auch einen eigenen Stellenwert haben und die auch für andere Geschöpfe wichtig sind, kann das zu einem andern Blick auf die Welt führen.

Die Dankbarkeit kann so nicht nur das eigene Herz erfreuen. Sondern sie kann auch der Schlüssel sein, damit wir einen sorgfältigeren Zugang zur Schöpfung Gottes finden können und so, wie es die Landfrauen ausgedrückt haben, unserem Paradies Sorge tragen können.

Amen.  

 

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Food for the Hungry Vreni Rutishauser

FH Schweiz ist eine christliche Entwicklungsorganisation, die 1996 gegründet wurde und ihren Sitz in Genf hat. Seit 2007 hat FH Schweiz auch ein Büro in der Deutschchweiz. FH bekämpft  Armut in allen Formen und dies in Zusammenarbeit mit den betroffenen Gemeinschaften und Familien. FH konzentriert sich auf die Entwicklung der Dorfgemeinschaften. Dabei verfolgen sie das Ziel, Ernährungssicherheit für alle zu gewährleisten, sowie die Lebensbedingungen der Familien und Gemeinschaften zu verbessern. Daran sind die Begünstigten aktiv beteiligt und ihre Kompetenzen als Einzelne und als Gemeinschaft werden gestärkt.

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