Gottesdienst vom 29.05.2022 in Romanshorn

von

Audio Predigt

Info und Kontakte

Gottesdienstleitung: Meret Engel

Musik: Bruno Sauder

Mesmerdienst: Edith Lengacher

Predigt als Text

Thema: Zwischen Kreuzigung und Pfingsten

Predigttext: Lk 24, 36-51

Während die Jünger noch darüber redeten, trat Jesus selbst in ihre Mitte, und er sagt zu ihnen: Friede sei mit euch! Da gerieten sie in Angst und Schrecken und meinten, einen Geist zu sehen. Und er sagte zu ihnen: Was seid ihr so verstört, und warum steigen solche Gedanken in euch auf? Seht meine Hände und Füsse: Ich selbst bin es. Fasst mich an und seht! Ein Geist hat kein Fleisch und keine Knochen, wie ihr es an mir seht. Und während er das sagte, zeigte er ihnen seine Hände und Füsse. Da sie aber vor lauter Freude noch immer ungläubig waren und staunten, sagte er zu ihnen: Habt ihr etwas zu essen hier? Da gaben sie ihm ein Stück gebratenen Fisch; und er nahm es und ass es vor ihren Augen.

 

Dann sagte er zu ihnen: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch mit euch zusammen war: Alles muss erfüllt werden, was im Gesetz des Mose und bei den Propheten und in den Psalmen über mich geschrieben steht. Dann öffnete er ihren Sinn für das Verständnis der Schriften und sagte zu ihnen: So steht es geschrieben: Der Gesalbte wird leiden und am dritten Tag von den Toten auferstehen, und in seinem Namen wird allen Völkern Umkehr verkündigt werden zur Vergebung der Sünden - in Jerusalem fängt es an -, und ihr seid Zeugen dafür.

 

Und seid gewiss, ich sende, was der Vater mir verheissen hat, auf euch herab; ihr aber sollt in der Stadt bleiben, bis ihr mit Kraft aus der Höhe ausgerüstet werdet. Und er führte sie hinaus bis in die Nähe von Betanien. Und er hob die Hände und segnete sie. Und es geschah, während er sie segnete, dass er von ihnen schied und in den Himmel emporgehoben wurde. Sie aber fielen vor ihm nieder und kehrten dann mit grosser Freude nach Jerusalem zurück.

 

 


Predigt

Liebe Gemeinde

Letzthin bin ich über einen Werbeslogan einer Versicherung gestolpert, der mich zum Nachdenken gebracht hat – aber wahrscheinlich anders, als beabsichtigt war. «Das wahre Leben, aber sicher.» Stand da gross auf einem Plakat. An anderer Stelle sah ich eine Werbung von derselben Firma: «Das wahre Leben ist, sich in Sicherheit bringen».

Ist das Leben, so habe ich mir überlegt, überhaupt sicher zu haben? Oder ist es nicht viel mehr eine Eigenschaft, eine Konstante im Leben, dass es eben nicht sicher ist, sondern stets im Wandel und das heisst mit Unvorhergesehenem verbunden ist? Und ist es nicht, so habe ich mir weiter überlegt, ein zwar verständlicher Wunsch, in Sicherheit leben zu können, aber nicht auch einer, der uns gerade vom eigentlichen Leben trennt? Liebe lässt sich nicht mit Sicherheit verbinden. Wer immer sicher sein will, wagt nichts. Wer sich immer absichern will, ist mitunter auch nicht offen für die Nöte und Sorgen von anderen Menschen. Und letztlich, so ein weiterer Gedanke, kann der Wunsch nach Sicherheit dazu führen, dass man sich in eine scheinbar heile Welt zurückzieht, sich einer Illusion hingibt, weil man die Unsicherheit dieser Welt nicht zu ertragen vermag.

Dass die Firma ausgerechnet in dieser Zeit mit diesem Slogan Werbung macht, entbehrt denn auch nicht einer gewissen Ironie. Denn gerade die letzten Jahre haben gezeigt, wie unsicher die Welt ist:

Corona, der Krieg in der Ukraine, die zunehmenden Spannungen im Pazifik im Zusammenhang mit dem Machtanspruch Chinas, die Klimakrise und eine noch nie dagewesene drohende Hungerkrise, das sind nur ein paar wenige, aber gewichtige Themen, die aufzeigen, dass sich das Leben nicht sicher leben lässt. Und dass es fatal sein kann, sich in eine scheinbare Sicherheit zu flüchten, anstatt sich dem Leben zu stellen und Probleme anzupacken. Die Realität, so könnte man auch sagen, fegt über den Werbeslogan hinweg.

Was aber, so mag man fragen, ist denn die Alternative zum Wunsch nach Sicherheit? Es reicht ja nicht, zu sagen, hör mal auf, nach Sicherheit zu streben. Es braucht vielmehr eine andere Kraft, man könnte auch sagen, eine andere Erzählung, die hilft, das Leben trotz der Unsicherheit zu gestalten. Mit dieser Frage komme ich zum Bibeltext, der von der Zeit zwischen der Kreuzigung von Jesus, seiner Auferstehung, Auffahrt und Pfingsten handelt. Denn es ist eine Geschichte, die von Unsicherheiten und Ängsten erzählt – aber eben auch von ihren Gegenkräften, vom Vertrauen und vom Glauben.

Vor der Kreuzigung, da war Jesus wahrnehmbar und sichtbar, wie jeder andere Mensch auch. Die Menschen haben mit ihm gegessen, mit ihm gelacht, ihn berührt – und auch wenn nicht alle glauben wollten oder konnten, dass er, wie erzählt wurde, der Sohn von Gott sei, so war er doch wenigstens fassbar. Er muss eine grosse Ausstrahlungskraft, ein Charisma gehabt haben, denn viele Menschen folgten ihm, waren begeistert von ihm und wollten seine Worte hören.

Durch seine Kreuzigung aber schien sich die ganze Botschaft von Jesus in Luft aufzulösen. War er nicht doch ein Hochstapler, der das Blaue vom Himmel versprochen hat – wie sonst könnte er, der behauptete, der Sohn Gottes zu sein, am Kreuz sterben? Und was taten die Jünger? Im Grunde das, was der anfangs erwähnte Werbeslogan fordert: «Das wahre Leben ist, sich in Sicherheit bringen». Sie brachten sich in Sicherheit, rannten davon und waren um Golgatha herum nicht mehr gesehen. Sie wollten auf keinen Fall mit dem, der da gekreuzigt worden ist, in Verbindung gebracht werden, zu gefährlich, zu unsicher war das.

Das Evangelium hat viel zu erzählen vom Wunsch nach Sicherheit. Und von, wenn man so sagen will, den Gegenspielern der Sicherheit, dem Vertrauen und dem Glauben. Denn die ersten Christen und Christinnen waren herausgefordert, nicht nur dann zu glauben, dass Gott gegenwärtig war, wenn sie Jesus berühren und sehen konnten. Sondern auch dann, wenn er nicht mehr sichtbar war, so wie es Jesus im Johannesevangelium dem ungläubigen Thomas sagte: Selig, der nicht sieht – und trotzdem glaubt. Im Grunde ist es eine Art Sprung, den die Christen machen mussten: Weg von der Sicherheit, weg von dem, was man sehen und fassen kann, hin zu dem Vertrauen, dass dieser Welt mehr zu Grunde liegt, als man sieht, dass es da eine Kraft gibt, die trägt, die hält, die erfassen und berühren kann.

Diese Zeit zwischen Kreuzigung, Auferstehung, Auffahrt und Pfingsten ist so eine dichte Zeit, die wesentliches über den Glauben und das Leben erzählt: Es geht um das Vertrauen, um die Hoffnung, dass die absolute Verzweiflung nicht das letzte sein muss. Das ist auch eine grosse Stärke im Christentum: Es blendet das Schwere, Sperrige, Schwierige nicht aus. Die Jünger wurden nicht verschont vor dem Tod von Jesus. Sogar Gott selber hat gelitten. Das Leiden und das Schwere sind Teil des Lebens – aber sie werden wieder durchbrochen vom Leben und der Liebe.

Der Mensch soll darum seine Augen vor dem Schweren nicht verschliessen. Er soll sich nicht in eine heile Welt flüchten, sondern sich dem Leben stellen. Aber das geht nur, wenn das Vertrauen da ist, dass man nicht im Elend versinkt. Und hier kommt der Glaube zum Tragen: Der Glaube an Jesus Christus als dem Sohn Gottes führt von der absoluten tiefen Verzweiflung, über eine Zeit der Skepsis und Unsicherheit bis hin zu einer überwältigenden Freude und neuer Zuversicht. So haben es auch die Jünger erlebt in dieser Zeit zwischen Kreuzigung und Pfingsten.

Die Erfahrungen, die die ersten Christen gemacht haben, können so ein Wegweiser sein für das eigene Leben und die Unsicherheiten und Ängste, die es mit sich bringen kann: Man hat nicht immer eine Sicherheit oder Klarheit, so ist das Leben. Es gibt Sperriges, Schicksalsschläge, die einem den Boden unter den Füssen wegnehmen können. Krieg und Hungernöte, ein sich veränderndes Klima und Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen, weil sie so lebensfeindlich geworden ist – diese Tatsachen können eine Unsicherheit und Angst auslösen, wie das Leben auf diesem Planeten in der Zukunft möglich sein soll. Aber es sind zum Glück nicht nur schwere Themen, die eine Unsicherheit mit sich bringen. Es kann auch etwas Schönes, Leichtes, Helles sein: Wer sich verliebt zum Beispiel ist manchmal unsicher, ob er der Liebe trauen kann. Wer etwas neues wagt, spürt, dass ein Aufbruch wichtig ist, hat vielleicht zwischendurch trotzdem Zweifel, ob das der richtige Weg ist. Wer sich innerlich von Gedankenmustern oder Vorstellungen, wie das «richtige» Leben aussehen müsste, lösen kann, mag in eine Identitätskrise kommen, in eine Unsicherheit, die ausgehalten werden muss.

In diesen Zeiten spürt man vielleicht eine innere Unruhe, ein Streben, jetzt endlich einmal etwas zu machen, etwas zu verändern und vorwärts zu gehen – aber man weiss gar nicht so genau, wie das gehen soll, fühlt sich vielleicht auch überfordert oder verloren. Der Glaube kann helfen, diese Zeiten der Unsicherheiten und die Ängste, die oft damit verbunden sind, auszuhalten.

Denn er kann die Zuversicht schenken, dass Gott gegenwärtig ist, in allem, was einem im Leben widerfährt – im Schwierigen, wie in der Freude, in der Trauer wie im Lachen. Der Glaube kann so helfen, nicht zu resignieren und auch nicht in einen Aktivismus zu verfallen, wenn man noch keine Lösung sieht. Wir haben nicht immer alles im Griff. Das ist so mit dem Leben. Aber diese Welt wird nach unserem Glauben von Gott getragen, der uns nicht verlässt, weder im Hellen, noch im Dunkeln, weder in der Freude, noch im Leid, weder im Leben, noch im Sterben. Das ist die kraftvolle Zusage des Glaubens.

 

«Das wahre Leben ist, sich in Sicherheit bringen». So erzählt es die Versicherungsfirma. Die Bibel erzählt eine andere Geschichte: Das wahre Leben ist das Vertrauen, dass Gott einen trägt, auch in Zeiten der Unsicherheiten. Aber um das zu spüren, muss man den Schritt ins Ungewisse wagen. Man muss die Sicherheit gerade loslassen, wenn man ins wahre Leben kommen will. Denn nur so mag man erahnen, dass man letztlich getragen und gehalten wird. Oder, wie es die Lyrikerin Hilde Domin einmal treffend ausgedrückt hat: Ich hielt den Fuss in die Luft, und sie trug.

Amen

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Kollekte

Thurgauische Evangelische Frauenhilfe TEF

Die Thurgauische Evangelische Frauenhilfe berät, unterstützt, sensibilisiert und fördert Frauen auf verschiedenen Gebieten im kirchlichen und öffentlichen Leben. Sie bietet Unterstützung in schwierigen Lebenssituationen (Partnerschaftsproblemen in der Familie, Fragen zu Trennung und Scheidung, Beratung von Alleinstehenden und/oder Alleinerziehenden, finanzielle Notlagen, einfache Rechtsauskünfte, Weitervermittlung an andere Fachstellen) Frauen und deren Familien aus dem ganzen Kanton Thurgau, unabhängig von Konfession und Nationalität, können sich bei der professionell geführten Beratungsstelle melden. Die Beratungen sind unentgeltlich. Die tef betreibt in Romanshorn die „Wohnen auf Zeit“-Wohnung: Personen, die vorübergehend eine Wohnmöglichkeit brauchen, können hier zu einem moderaten Zins vorübergehend eine möblierte 2-Zimmerwohnung mieten. Wir freuen uns, dass es dieses wichtige Angebot in Romanshorn gibt und möchten dies mit unseren Gaben unterstützen.

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