Mittwoch-Impuls vom 22.04.2020

von

Audio

Info und Kontakte

Predigt und Ablauf: Meret Engel

E-Piano und Orgel: Andreas Walder

Fürbitten: Katharina Schwaiger

Technik und Schnitt: Edith Lengacher

Ablauf und Predigt als Text

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer im Internet zu Hause und im Pflegeheim

Letzte Woche hat der Bundesrat Bestimmungen herausgegeben, wie der Weg aus dem Lockdown aussehen könnte. Schritt für Schritt sollen die verschiedenen Schulen und Geschäfte geöffnet werden, bis dann hoffentlich auch Gottesdienste möglich sein sollen.

Wie ging es Ihnen, als Sie das gehört haben? Ich hatte ambivalente Gefühle: Auf der einen Seite habe ich mich gefreut, dass ein Stück Normalität wieder möglich ist. Auf der anderen Seite bin ich etwas skeptisch, ob die ganze Planung gelingt – denn der Virus ist ja nicht einfach weg. Und ich merke, dass ich auch einfach langsam müde bin und manchmal auch etwas Mühe habe, positiv zu bleiben.

Vielleicht kennen Sie das auch? Dass Sie manchmal wie kein Licht am Ende des Tunnels sehen und nicht wissen, wie Sie oder auch unsere Gesellschaft diese anstehenden Probleme lösen soll? Dann sind Sie auf jeden Fall nicht alleine. So erzählt die Bibel verschiedene Geschichten von Menschen, die nicht mehr weiter wussten, die verzweifelt oder desillusioniert waren. Die Bibel ist darum auch ein Hoffnungsbuch, weil sie in Geschichten erzählt, wie Menschen in schwierigen Situationen wieder Mut geschöpft haben.

Eine der Geschichten ist die von Elia und dem Engel (1. Kön 19): Elia ist auf der Flucht, weil er sich mit dem König verstritten hat. Eine ganze Armee ist hinter ihm her. In seiner Verzweiflung flieht in die Wüste, vielleicht mit der Idee, dass es niemand wagen würde, ihm in die Wüste zu folgen. Vielleicht aber auch, weil es ihm selber nicht mehr so wichtig war, ob und wie sein Leben weitergehen sollte. Denn in der Wüste legt er sich auf den Boden und wünscht sich den Tod. «Es ist genug», sagt er zu Gott: «nimm nun mein Leben.» Er hat einfach keine Kraft mehr, weiterzuleben und hat das Vertrauen in sich selber verloren. «Ich bin nicht besser», so sagt er zu Gott, «als meine Vorfahren.» Und offensichtlich erwartet er auch nichts mehr von Gott. Er hat abgeschlossen und will nur noch in Ruhe gelassen werden.

Doch dann kommt ein Engel und fordert Elia auf, zu essen und zu trinken. Elia nimmt das zwar an, aber dann legt er sich wieder hin. Aufstehen? Weitergehen? Nein, dazu fehlt ihm nach wie vor die Kraft und die Motivation. Aber da kommt der Engel noch einmal und fordert ihn auf, weiterzugehen. Diesmal lässt sich Elia überzeugen: Er steht auf, kommt wieder zu Kräften, durchquert die Wüste, hat eine Gottesbegegnung und wird einer der wichtigsten Propheten.

Ich finde das eine starke Geschichte. Denn sie erzählt nicht nur von der Hoffnung, sondern auch von der Hoffnungslosigkeit. Damit nimmt sie etwas urmenschliches auf: Es kann Zeiten geben, in denen man das Gefühl hat, man sei am Ende. Man sieht kein Licht, hat keine Kraft mehr, fühlt sich gefangen, verstrickt, traurig, zerschlagen und schaut ratlos, desillusioniert oder enttäuscht auf das eigene Leben, das einem vielleicht nichtig, wertlos, vergebens erscheint. Und auch der Gedanke, dass es in solch schwierigen Situationen doch schön wäre, wenn einfach alles vorbei wäre, werden die meisten von uns kennen.

So unangenehm diese Gefühle sein mögen: sie gehören zum Leben. Und manchmal muss man Gefühle oder Situationen einfach aushalten. Man braucht bisweilen einen langen Atem, bis sich ein Lichtstreifen am Horizont zeigt oder ein Engel auftaucht. Es ist darum auch kein Zufall, dass Elia gerade in der Wüste ist: Auch das Volk Israel war 40 Jahre lang in der Wüste. Eine Wüstenzeit kann mitunter lange dauern.

Das ist auch der Grund, warum die Hoffnung so viel Kraft braucht. Wer sich für die Hoffnungslosigkeit entschieden hat, so hat die Schriftstellerin Rebecca Solnit geschrieben, wählt den einfacheren Weg, als wer hoffnungsvoll bleiben möchte. Weil man etwas aufgibt. Man kann sich einfach auf den Wüstenboden legen und die Welt an einem vorbeiziehen lassen.

Wer aber hofft, der kämpft für etwas. Er weigert sich, vorschnell getröstet zu werden und gibt sich nicht ab mit der Situation, wie sie ist. Diese innere Kraft, die die Hoffnung brauchen kann, diesen Willen, es doch noch einmal zu versuchen, doch daran zu glauben, dass die Welt anders werden kann, wird in der Geschichte von Elia eindrücklich dargestellt. Zweimal muss der Engel kommen. Zweimal kämpft Elia mit der Schwerkraft und der Hoffnungslosigkeit. Dann aber gewinnt er neuen Lebensmut, steht auch und geht weiter. Er hat nicht aufgegeben. und liess sich nicht unterkriegen. Er hätte ja auch seinen Mund halten können, um damit für den König keine Zielscheibe mehr zu sein. Er hätte sich in ein ruhiges Leben zurückziehen können. Aber er wählte den schwierigeren Weg. Er entschied sich, aufzustehen und sich den Herausforderungen zu stellen.  

Auch wir stehen heute vor wichtigen Entscheidungen. Die Corona-Krise hat aufgezeigt, dass es Grenzen gibt. Sie kann darum auch eine Chance sein, um nachzudenken über unsere Welt und unsere Stellung in dieser Welt: Wir können so weitermachen, wie bis anhin und dabei in Kauf nehmen, dass unser Lebensstil die Ressourcen der Erde überstrapaziert, Tiere ihren Lebensraum verlieren, Menschen zur Flucht gezwungen werden und letztlich auch ihre Lebensgrundlagen verlieren.

Oder aber wir können die Chance des Lockdowns ergreifen und unser System hinterfragen, das letztlich das Leben auf dieser Welt zugunsten von Profit zerstört. Das braucht Mut. Denn der Weg ist noch nicht vorgespurt, es sind noch keine Lösungen da, wie wir das Leben auf dieser Welt anders gestalten können.

Die Geschichte von Elia aber zeigt uns, dass es sich lohnt, aufzubrechen und eine Umkehr zu wagen, auch wenn man noch nicht genau weiss, wohin der Weg führt. Wäre Elia einfach liegengeblieben, wäre er bei seiner Entscheidung geblieben, hätte er gedacht, es gibt sowieso keinen Ausweg aus der Wüste, wäre er wohl umgekommen. Die Kraft zum Aufbrechen, die Kraft zur Hoffnung hat er von Gott erhalten. Von dem Gott, der Leben und die Liebe ist und Menschen auffordert, das Leben zu bewahren, zu beschützen und behüten. So kann auch uns heute der Glaube den Mut schenken, uns für das Leben zu entscheiden und neue Wege des Zusammenlebens suchen, in dem alle, Tiere, Menschen, Berge, Meere, aufatmen und Luft zum Leben und Entfalten haben. Aufbrechen aber müssen wir schon selber.

Amen.

Downloads
Kollekte

Theologisch-Diakonisches Seminar Aarau TDS

Das TDS Aarau (theologisch diakonisches Seminar) bietet als Höhere Fachschule Kirche und Soziales Ausbildungen für eine professionelle Berufstätigkeit. Das Diplom in Sozialdiakonie wird von Landes- und Freikirchen anerkannt, der Berufstitel „Gemeindeanimator/-in HF“ ist staatlich geschützt. Das TDS Aarau orientiert sich am christlichen Glaubensverständnis, richtet seine Theologie an der Bibel aus und weiss sich den Bekenntnissen der Alten Kirche und der Reformation verpflichtet. TDS-Absolventinnen und -Absolventen engagieren sich mit Hand und Herz für die Ausbreitung des Evangeliums. Als Kirchgemeinde ist es uns wichtig, dass kirchliche Mitarbeitende ihren Beruf auf der Grundlage des Evangeliums ausüben und so ArbeiterInnen im Weinberg Gottes sind.

 

Zurück