Sonntags Gottesdienst vom 19.04.2020

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Info und Kontakte

Predigt und Ablauf: Meret Engel

E-Piano und Orgel: Bruno Sauder

Technik und Schnitt: Edith Lengacher

Ablauf und Predigt als Text

1.      Orgeleingangsspiel J.S.Bach Concerto G-Dur BWV 592 Satz 1

2.      Eingangswort, Gruss und Gebet

3.      Lied Nr. 466, Gelobt sei Gott im höchsten Thron

4.      Schriftlesung Lk 24, 44-48

5.      Lied Nr. 468, Wir wollen alle fröhlich sein

6.      Predigt

Thema: Gottes Glaube

Predigttext: Lk 24, 44 - 48

Dann sagte Jesus zu den Jüngern: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch mit euch zusammen war: Alles muss erfüllt werden, was im Gesetz des Mose und bei den Propheten und in den Psalmen über mich geschrieben steht. Dann öffnete er ihren Sinn für das Verständnis der Schriften und sagte zu ihnen: So steht es geschrieben: Der Gesalbte wird leiden und am dritten Tag von den Toten auferstehen, und in seinem Namen wird allen Völkern Umkehr verkündigt werden zur Vergebung der Sünden - in Jerusalem fängt es an -, und ihr seid Zeugen dafür.

Predigt

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer im Internet zu Hause und im Pflegeheim

„Warum lässt Gott das zu?“ Das ist eine Frage, die man im Zusammenhang mit der Corona-Krise häufig hört und die Sie sich vielleicht schon auch gestellt haben. Ja, warum lässt Gott das zu? Eine mögliche Antwort ist, dass dies eine Strafe von Gott sei. Diese Antwort finde ich problematisch. Denn ihr liegt eine Theologie zugrunde, die den Menschen als unmündiges Wesen zurücklässt, das einfach Gott gehorchen muss. Gott ist der strenge Vater und der Mensch ist das unmündige Kind. Und wenn es nicht artig ist, wird es von Gott bestraft.

Es gibt aber auch Theologien, die diese Beziehung zwischen Gott und Mensch anders denken. Ein Verständnis habe ich vom Judentum gelehrt, von Jonathan Sacks, dem ehemaligen Grossrabbiner von London: Nach Sacks ist die Grundlage der Beziehung das Vertrauen von Gott in den Menschen. Darum hat Gott mit dem Menschen einen Bund geschlossen, der auf gegenseitigem Respekt beruht. Gott hat sogar die Welt in dem Vertrauen erschaffen, dass der Mensch achtsam mit seiner Schöpfung umgeht. Am Anfang der Beziehung zwischen Gott und Mensch steht so der Glaube von Gott in den Menschen - nicht der Glaube des Menschen in Gott.

Das ist ein erfrischender Perspektivenwechsel, der die Lehre von der Erbsünde, die übrigens erst Augustinus gelehrt hat, ausser acht lässt. Dementsprechend steht nicht die Sünde und auch nicht der mangelnde Glauben des Menschen im Zentrum. Sondern dass Gott dem Menschen etwas zutraut, ihm die ganze Welt anvertraut, die Tiere, das Meer, die Berge, die Wiesen und andere Menschen. Und dass Gott daran glaubt, dass der Mensch die Fähigkeit hat, dieser Aufgabe gewachsen zu sein und Gutes zu bewirken. Dem entspricht ja auch, dass Gott der Mensch als sein Ebenbild erschaffen hat.

Diese Theologie steht quer zu der Vorstellung eines strafenden Gottes, der den Menschen mit Liebesentzug und Zwang erziehen will. Die Kehrseite ist dafür, dass der Mensch auch eine Verantwortung hat, weil er mündig und frei ist. Fragen, die Menschen Gott stellen, könnte man darum auch dem Menschen stellen:

-         Warum lässt du Böses zu? Du kannst doch zwischen gut und böse unterscheiden. Warum gibt es dann immer noch Ungerechtigkeiten, die du selber lösen könntest, die aber am politischen oder wirtschaftlichen Willen scheitern oder am Unwillen, zugunsten von anderen zu verzichten?

-         Warum bewahrst du nicht die Schöpfung? Viele Katastrophen, die Menschen erleben müssen, sind auf den Klimawandel zurückzuführen.

-         Und Gott könnte auch fragen: Wo warst du in meinen dunkelsten Stunden? Denn ausgerechnet, als er am Kreuz starb, haben ihn die Jünger verlassen.

In diesem Perspektivenwechsel heisst „Glaube“ mehr, als ein Bekenntnis zu formulieren oder an ein Dogma zu glauben. Er bezieht vielmehr ganze Handeln mit ein: Gott hat den Menschen geschaffen, weil er daran glaubte, dass der Mensch gut sein kann und seine Gebote halten würde. Nicht, weil es rein um die Einhaltung von Geboten geht, sondern weil sie sinnvoll und nachvollziehbar sind, weil sie das Leben ermöglichen, es schützen und bewahren.

Diese Vorstellung, dass Gott an den Menschen glaubt, ist aber nicht nur eine jüdische Vorstellung. Sie zeigt sich auch im Lichte vom Leben von Jesus Christus: Gott hat sich in Jesus den Menschen als hilfloses Kind anvertraut. Am Kreuz hingegen zeigt sich dann das ganze Versagen des Menschen: Jesus wird dem Machterhalt von Strukturen und der Unfähigkeit zu lieben geopfert.

Mit der Auferstehung aber zeigt Gott, dass er seine Beziehung mit den Menschen nicht aufgibt: So sagt Jesus im Lukasevangelium, dass die Menschen eingeladen sind, umzukehren und dass ihnen ihr Versagen vergeben ist. Gott schenkt dem Menschen eine zweite Chance. Mit Blick auf das Alte Testament kann man sagen, sogar eine dritte Chance: Denn in der Geschichte der Sintflut hat es Gott Leid getan, dass er den Menschen so bestraft hat und gibt ihm bereits da eine neue Chance.

Sowohl die Geschichte der Sintflut als auch die Kreuzesgeschichte zeigen, dass Gott auf Schuld, Versagen und Unvermögen nicht mit Druck, Ablehnung oder Zwang reagiert, sondern mit Liebe und Vergebung: Gott schenkt dem Menschen einen Neuanfang und entlässt ihn so in ein neues Leben und in eine neue Beziehung mit ihm und mit anderen Menschen.

Damit weist Gott auf etwas Grundlegendes hin: Liebe kann man nicht erzwingen. Eine Beziehung kann nicht tragfähig und vertrauensvoll werden, wenn ihre Basis die Angst vor Liebesentzug oder eine Strafe ist. Und so kann man auch den Glauben an Gott nicht erzwingen. Das kann nicht einmal Gott. Es liegt an jedem einzelnen Menschen, zu Gott ja zu sagen – oder nein.

Der Glaube ist darum eine Liebeserklärung des Menschen an Gott – und von Gott an Menschen. Und wie in jeder Liebesbeziehung, so kann auch in dieser Beziehung der Mensch wachsen und sich entwickeln. Denn wenn man merkt, dass jemand einem so viel Vertrauen schenkt, dass er ihm sogar die ganze Welt anvertraut, kann man über sich hinauswachsen. Man holt das Beste aus sich heraus und trägt dem Sorge, was einem geschenkt worden ist.

Die Vorstellung, dass Gott an den Menschen glaubt, kann so mehr bewirken als die Forderung, der Mensch müsse mehr glauben. Weil der Mensch in seinem Herzen berührt wird. Weil er darauf vertrauen kann, dass die Liebe bereits da ist und er sie nur annehmen darf. Und weil der Mensch in einer ebenbürtigen Liebesbeziehung auch mehr Verantwortung übernimmt.

Auch bei der Corona-Krise kann man den Menschen theologisch in die Verantwortung ziehen: Es ist bekannt, dass das Virus von einem Tier auf den Menschen übergesprungen ist. Diese Gefahr ist vor allem dann gegeben, wenn Tier und Mensch auf engstem Raum zusammenleben, was für Tiere häufig prekär ist. Die Strafe, wenn man das so sagen will, kam nicht von Gott, sondern der Mensch hat sie selber herbeigeführt.

„Soll ich jetzt dann auch noch schuld sein?“ Das fragt sich jetzt vielleicht der eine oder andere. Es geht mir aber nicht um eine Schuldzuweisung. Sondern darum, dass der Mensch Gott nicht zu vorschnell für etwas verantwortlich macht. Und dass er sich bewusst wird, was er selber – mit Gottes Hilfe – bewirken und ändern kann.

Diese Situation im Zusammenhang mit dem Corona-Virus ist für Menschen auf der ganzen Welt eine Herausforderung. Aber wir sind ihr auch nicht hilflos ausgeliefert. Wir können mit Angst und Abschottung reagieren, mit dem Entzug von Hilfsgeldern, wie es gerade der amerikanische Präsident entschieden hat. Oder wir können unser Herz öffnen. Die Not, die Einsamkeit und die Bedürftigkeit von anderen sehen. Und uns so auf die Nachfolge von Christus machen und ein Ebenbild Gottes sein.

Amen.

7.      Zwischenspiel J.S.Bach Concerto G-Dur BWV 592 Satz 2

8.      Abkündigung + anschl. Zwischenspiel F.d’Agincourt Suite du 1er ton «Récit»

9.      Fürbitte und Unser Vater

10.  Lied Nr. 334, Dona nobis pacem

11.  Mitteilungen

12.  Sendung und Segen

13.  Ausgangsspiel J.S.Bach Concerto G-Dur BWV 592 Satz 3

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Kollekte

Die Kollekte geht an folgendes Projekt:

TDS AARAU KIRCHE UND SOZIALES HF

Das TDS Aarau (theologisch diakonisches Seminar) bietet als Höhere Fachschule Kirche und Soziales Ausbildungen für eine professionelle Berufstätigkeit. Das Diplom in Sozialdiakonie wird von Landes- und Freikirchen anerkannt, der Berufstitel „Gemeindeanimator/-in HF“ ist staatlich geschützt. Das TDS Aarau orientiert sich am christlichen Glaubensverständnis, richtet seine Theologie an der Bibel aus und weiss sich den Bekenntnissen der Alten Kirche und der Reformation verpflichtet. TDS-Absolventinnen und -Absolventen engagieren sich mit Hand und Herz für die Ausbreitung des Evangeliums. Als Kirchgemeinde ist es uns wichtig, dass kirchliche Mitarbeitende ihren Beruf auf der Grundlage des Evangeliums ausüben und so ArbeiterInnen im Weinberg Gottes sind.

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