Sonntags-Impuls vom 03.05.2020

von

Info und Kontakte

Predigt und Ablauf: Ruedi Bertschi

Musik: 11vor11-Band

Technik und Schnitt: Edith Lengacher, Albert Fistarol

Ablauf und Predigt als Text

11VOR11 am 3. Mai 2020

Unglauben und unglaublich gute Gründe dabei zu sein

 

 

Liebe Leserinnen und Leser

 

Grad in Zeiten von Um- und Abbrüchen ist es wichtig, dass sich Pfarrerinnen und Pfarrer nicht auf sonderlich festem Grund einigeln, sondern sich aufs unsichere Wasser hinauswagen. Darum ist diese Predigt heute bewusst vom Boot aus.

 

In der Bibel wird uns die Geschichte erzählt von einem Vater mit einem epileptischen Sohn. Die Krankheit hat den Buben immer wieder umgehauen. Nach dem Berichten des Vaters ist der Bub sogar schon des Öfteren ins offene Feuer gefallen und hatte danach furchtbare Brandwunden. In seiner Verzweiflung wendet sich der Vater an den Wanderprediger Jesus von Nazareth. Vorsichtig formuliert er: «Wenn du etwas vermagst..». Und der Wanderprediger gibt ihm beinahe kaltschnäuzig zurück: «Alles ist möglich dem, der da glaubt.»

 

Um Gottes Willen! Was hatte der Vater nicht schon alles versucht, gehofft und irgendwie auch geglaubt! - Etwas verwirrt ruft er: «Ich glaube! Hilf meinem Unglauben!» - Dann aber geht es Schlag auf Schlag: Jesus nimmt sich des Buben an. In diesem Moment aber kommt es nochmals zu einem furchtbaren Anfall. Jesus ergreift den am Boden schäumenden und bereits totgeglaubten Haufen Elend bei seiner Hand. Jesus stellt den Buben auf. Und siehe da, der Bub steht auf seinen Beinen und ist - geheilt. Dann aber ist auch schon Schluss und Ende der Geschichte. Vom weiteren Leben und Glauben des geheilten Buben und seines Vaters erfahren wir nichts mehr – für alle Zeit und für alle Ewigkeit.

 

Liebe Leserinnen und Leser

 

Wir leben in einem für unsere Gegend epochalen Umbruch. Nein, ich rede jetzt nicht von Corona. Ich rede von etwas anderem. Menschen verabschieden sich reihenweise aus der Gemeinschaft der Kirche. So etwas hat es seit den Anfängen des christlichen Glaubens im 7. und 8. Jahrhundert nie gegeben. Ihren Grund, ihre Gründe erfahren wir in der Regel nicht. Im Moment trifft es hauptsächlich die beiden Landeskirchen, die evangelische und die katholische. So sicher wie das Amen in der Kirche wird es mit einiger Verzögerung die Freikirchen genauso treffen. Was ist da los? Zunehmendem Unglauben und oder nur abgründige Kirchenmüdigkeit? - Bleiben wir vielleicht einfach noch einen Moment bei der Geschichte vom Vater und vom kranken Buben. Warum kommt der Vater mit seiner Not eigentlich zu Jesus, dem Wanderprediger und Wundertäter? Warum geht er mit seinem Buben nicht einfach zum Arzt? Warum nicht direkt zum Neurologen? Die Antwort ist ganz einfach. Es gab damals gar keine Neurologen. Epilepsie galt als eine Form von dämonischer Besessenheit. Epilepsie, das war keine medizinische Herausforderung, sondern eine spirituelle Not. Also konnte auch nur ein Gottesmann Befreiung bringen. Logisch, geht der Vater zu Jesus von Nazareth dem Wundertäter, zu IHM! Zu wem denn sonst?

 

Gott sei Dank gibt es heute so wunderbare Medikamente zur Dämpfung oder gar Eindämmung der Epilepsie. Gott sei Dank gilt heute beim Auftreten von Epilepsie nicht mehr das Motto: «Da hilft nur noch beten!» - Gott sei Dank ist es mit den Depressionen ähnlich. Während man früher nur beten, singen und schützen konnte, da gibt es heute wunderbare Medikamente. Wer sie treu einnimmt, hat gute Chancen in seiner depressiven Episode Linderung oder gar totale Befreiung zu erfahren.

 

Wir könnten jetzt noch vieles aufzählen, was früher mit Glauben, mit Spiritualität und mit der Kirche eng verbunden war und jetzt losgelöst von Kirche und Glauben gut und manchmal sogar besser funktioniert. Im Thurgau waren die Schulvorsteherschaften noch bis in die 70-er-Jahre praktisch ausnahmslos von evangelischen oder katholischen Pfarrpersonen präsidiert. Kirche und Schule, das gehörte zusammen, wie das Pferd zum Reiter und der Traktor zum Ladewagen. Das gleiche galt für den Hauspflegedienst, der heute viel weiter ausgebaut «Spitex» heisst. Das war bis vor noch nicht mal 50 Jahren ein Arbeitszweig der örtlichen Kirchgemeinde. Die ganze Arbeit des heutigen Sozialamtes war die Aufgabe des kirchlichen Armenpflegers.

 

Liebe Leserinnen und Leser

 

Als Vertreter der Kirche und als gläubiger Mensch, glaube ich, dass es sehr gute Gründe gibt, bei Gott und bei seiner Kirche zu bleiben, bis zum letzten Atemzug. Warum ich Christ bin? Ehrlich gesagt: Ich kann nicht anders. ER hat mich an die Wand geliebt und von dieser komme ich nicht mehr los. Und zweitens habe ich erfahren: Christlicher Glaube zieht immer auch zu verbindlicher Gemeinschaft mit völlig unvollkommenen andern Christenmenschen. Diese Gemeinschaft macht stark und setzt Kräfte frei, die man als Einzelperson so gar nicht hat. Da lässt doch z.B. unser guter Bundesrat wegen Corona völlig zu Recht die Grenzen schliessen. Ein mittelloser, etwas runtergekommener Mann aus Ungarn bleibt an der Grenze hängen und landet schliesslich bei uns in Romanshorn. Als Einzelperson wäre ich überfordert. Wie nehme ich ihn über Tage und Wochen auf? Als Kirchgemeinde aber haben wir gut unterhaltene Gebäude, die jetzt – genau wegen diesem Virus – extrem wenig genutzt werden. Der Mann wird bei uns beherbergt. Bald darauf kommt ein Mann aus Litauen, mit dem gleichen Problem. ER findet in unserer Kirchgemeinde Herberge. Kirche macht das möglich. - Willst du auch dazu gehören, dann melde dich! Willst du uns zuerst noch etwas beobachten, sozusagen unter die Lupe nehmen… Dann mache das! Warte einfach nicht, bis wir perfekt sind, sonst passt du dann nicht mehr dazu. - Gehörst du dazu, bleibe dran! Bringe dich mit deinen Ideen und Fragen ein! In nächster Zeit sind besonders viele Ideen und Fragen gefragt, weil wir in einer ganz besonderen Umbruchphase sind. Darum predige ich nicht auf festem Boden, sondern vom Boot aus.. ER, der Dreieinige bleibt derselbe. Er kommt mit und er ist mit dabei, auch dann, wenn jemand ganz verzweifelt nur noch schreien kann: «Ich glaub, hilf meinem Unglauben!» AMEN.

 

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Theologisch-Diakonisches Seminar Aarau TDS

Das TDS Aarau (theologisch diakonisches Seminar) bietet als Höhere Fachschule Kirche und Soziales Ausbildungen für eine professionelle Berufstätigkeit. Das Diplom in Sozialdiakonie wird von Landes- und Freikirchen anerkannt, der Berufstitel „Gemeindeanimator/-in HF“ ist staatlich geschützt. Das TDS Aarau orientiert sich am christlichen Glaubensverständnis, richtet seine Theologie an der Bibel aus und weiss sich den Bekenntnissen der Alten Kirche und der Reformation verpflichtet. TDS-Absolventinnen und -Absolventen engagieren sich mit Hand und Herz für die Ausbreitung des Evangeliums. Als Kirchgemeinde ist es uns wichtig, dass kirchliche Mitarbeitende ihren Beruf auf der Grundlage des Evangeliums ausüben und so ArbeiterInnen im Weinberg Gottes sind.

 

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