Sonntags-Impuls vom 10.05.2020

von

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Predigt und Ablauf: Meret Engel

Musik: Silvia Seipp

Technik und Schnitt: Edith Lengacher, Albert Fistarol

Ablauf und Predigt als Text

Predigt am 10. Mai 2020

Thema: Eine lebendige Gottesbeziehung
Predigttext: 2. Moses 20, 1-5

Und Gott redete alle diese Worte und sprach:  

Ich bin der HERR, dein Gott, der dich herausgeführt hat aus dem Land Ägypten, aus einem Sklavenhaus. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Du sollst dir kein Gottesbild machen noch irgendein Abbild von etwas, was oben im Himmel, was unten auf der Erde oder was im Wasser unter der Erde ist. Du sollst dich nicht niederwerfen vor ihnen und ihnen nicht dienen, denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott.

 

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer im Internet und im Pflegeheim

Haben Sie schon einmal das Bedürfnis gehabt, Gott zu sehen? Ihn vielleicht sogar berühren zu können und so zu wissen, dass er wirklich da ist? Ich kenne manchmal diesen Wunsch. Denn das ist ja die Herausforderung, dass wir an einen Gott glauben, den wir nicht sehen können. Er entzieht sich unseren Vorstellungen, überschreitet Raum und Zeit. Der Glaube ist darum ein Vertrauen, eine Ahnung, ein Hoffen darauf, dass dem Leben eine grosse, gütige Macht zugrunde liegt.

Und doch kann die Versuchung gross sein, Gott wirklich zu fassen zu können, ihm sozusagen habhaft zu werden. Das Bilderverbot warnt aber ausdrücklich davor, sich ein Bild von Gott zu machen, weil Gott unverfügbar ist. Aber es sind nicht nur Bilder, sondern auch Worte, die dazu verführen können, Gott auf etwas festlegen zu wollen. Gott nicht auf Worte zu reduzieren, mag sogar noch anspruchsvoller sein, als sich kein Bild von ihm zu machen. Denn es steht doch, so mag man einwenden, genau geschrieben, schwarz auf weiss, was Gott will, was seine Gebote und Forderungen sind – so kennt man doch Gott und weiss genau, was in seinen Augen richtig und was falsch ist.

Aber Gott ist auch grösser als der Buchstabe. Das zeigt sich im Neuen Testament, wenn Jesus ausgerechnet von den Pharisäern angegriffen wird, die die Bibel genau studiert haben: Am Sabbat ist es verboten zu arbeiten – warum heilst Du? Es ist verboten, mit unreinen Menschen zusammen zu sitzen – warum sitzt du denn mit Prostituierten und Aussätzigen zusammen?

Ja, es gibt Gesetze und Gebote, die klar benennen, was richtig ist und was nicht. Aber Jesus hat nie einen Menschen reduziert auf seine Verfehlungen. Es gibt denn auch wenige Streitgespräche zwischen Jesus und Menschen, die gesündigt haben. Am provokativsten, am meisten Streitgespräche und Auseinandersetzungen hatte er viel mehr mit denjenigen, die meinten zu wissen, was genau Gottes Wille sei und wie sein Wort exakt zu interpretieren sei. Sie haben denn auch ein starkes Argument: der Wille Gottes ist ja aufgeschrieben – was gibt es da noch zu diskutieren oder zu verhandeln?

 

Die Pharisäer haben etwas richtiges erkannt: Die Bibel ist die Grundlage des Glaubens. Aber auch sie hält Gott nicht fest. Sie ist der Versuch, die Präsenz und die Gegenwart Gottes in Worte fassen: Menschen haben Erfahrungen mit Gott gemacht, wurden von ihm getröstet, haben ihn im Dunkel der Nacht getroffen, wurden von ihm aufgebaut, haben manchmal mit ihm auch gekämpft und gerungen – und sie haben diese Erfahrungen niedergeschrieben. Aber es sind Erfahrungen mit Gott und nicht Gott selber, der in der Bibel festgehalten wird. Denn Gott ist ein lebendiger Gott, der in Kontakt mit den Menschen sein will. Liebe und die Beziehung aber lassen sich niemals in Buchstaben fassen.

Denn wichtige, berührende, existentielle Erfahrungen lassen sich nur schwer in Worte fassen. Das kennen wir auch aus dem eigenen Leben: dass wir manchmal kaum Worte finden für das, was wir empfinden. Vor allem, wenn es um Beziehungen geht, ist es oft eine Herausforderung, die richtigen Worte zu finden. Manchmal braucht es auch ein längeres Gespräch mit dem Gegenüber, bis wir etwas verstehen.

So ist es auch in der Bibel: Es gibt nicht nur eine richtige Interpretation, weil Gott sich nicht auf den Buchstaben festlegen lässt. Sondern wir nähern uns der Wahrheit an im Gespräch, in der lebendigen Beziehung mit Gott und mit anderen Menschen. Und manchmal ergibt es sich auch, dass wir im Laufe unseres Lebens bestimmte Texte in der Bibel anders lesen oder interpretieren, weil sich unsere Beziehung zu Gott verändert hat.

Dem Wunsch, die Bibel durch und durch «richtig» zu verstehen und damit auch genau zu wissen, was Gottes Wille ist, liegt wohl das Bedürfnis nach Sicherheit zugrunde: Ich will auf der richtigen Seite sein. Aber im Glauben geht es um das Leben. Nicht darum, alles immer korrekt und richtig zu machen, sondern darum, das konkrete Leben, die konkrete Begegnung zu sehen und sich einzulassen auf Beziehungen mit Gott und mit anderen Menschen. Und weder Menschen noch Gott auf ein geschriebenes Wort reduzieren zu wollen.

Beziehungen brauchen so Raum, Spiel, eine Offenheit, damit der andere wahrgenommen werden kann Das Leben ist viel zu komplex, um es zu reduzieren und so werden auch in der Bibel scheinbare Sicherheiten auf den Kopf gestellt: Unheilige werden als Heilige enttarnt und Ungläubige als Gläubige erkannt. Die ersten werden die letzten sein und ins Himmelreich kommt nicht der, der die Gesetze auswendig kennt, sondern der seine Barmherzigkeit gegenüber anderen erwiesen hat.

Aber auch Gott selber bleibt nicht statisch, festgelegt auf gewisse Aussagen: So wird zum Beispiel in der Geschichte von Abraham und Sodom und Gomorrha berichtet, dass Gott sich überlegt, ob er Abraham etwas davon sagen soll, dass er, Gott, die Städte vernichten will (Gen 18, 17). Und nach der Sintflut nimmt Gott sich vor, nie wieder Menschen zu schlagen, wie er es selber getan hat (Ge 8,21). Gott wird so in der Bibel als lebendig, berührbar beschrieben. Er ist kein statischer, unbarmherziger Gott, der bloss nach seinem Gesetz oder einem ewigen Ratschluss lebt und richtet. Sondern er sieht jeden Menschen in seinem je eigenen Leben an und bleibt mit ihm in Berührung oder lässt sich sogar beeinflussen.

Diese Ganzheitlichkeit und Lebendigkeit des christlichen Glaubens scheint mir auch in der heutigen Zeit relevant zu sein: Ich tue mich manchmal schwer damit, wenn ich sehe, dass Kirchen sich verstreiten oder sogar trennen, wegen einzelner Passagen der Bibel wie zum Beispiel die Frage nach der Homosexualität. Man verliert sich, so mein Eindruck, im Buchstaben, während die Beziehungen zu Gott, zur Schöpfung oder zu den Mitmenschen aus dem Blick geraten:

 

Die Zerstörung der Schöpfung zum Beispiel, die dazu beiträgt, dass immer Menschen flüchten müssen und in Armut geraten. Oder die Frage, wie es möglich ist, Frieden zu finden gerade mit Menschen, die eine andere Sicht auf die Welt oder auch auf Gott haben.

Es gibt, davon bin ich überzeugt, unterschiedliche Lesearten der Bibel. Wir können verschiedenen Texte anders interpretieren. Aber das scheint mir keine Bedrohung zu sein, sondern eine Bereicherung. Wenn man die Sichtweise eines anderen stehen lassen kann, kann das helfen, den eigenen Horizont zu erweitern und zu erkennen, dass es auch andere Zugänge zur Bibel und zum Glauben gibt als den eigenen.

Du sollst dir kein Gottesbild machen – das ist darum immer wieder eine Forderung auch im eigenen Glauben. Gott bleibt der – oder die – Ewige, Lebendige, Unfassbare. Er lässt sich nie festlegen, auch nicht auf ein Wort. Und so sollen auch wir im Glauben unterwegs sein, immer wieder offen und neugierig, neue, überraschende und erfrischende Seiten von Gott kennen zu lernen.

Amen.

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TEF Thurgauische Evangelische Frauenhilfe

Die Thurgauische Evangelische Frauenhilfe berät, unterstützt, sensibilisiert und fördert Frauen auf verschiedenen Gebieten im kirchlichen und öffentlichen Leben. Sie bietet Unterstützung in schwierigen Lebenssituationen (Partnerschaftsproblemen in der Familie, Fragen zu Trennung und Scheidung, Beratung von Alleinstehenden und/oder Alleinerziehenden, finanzielle Notlagen, einfache Rechtsauskünfte, Weitervermittlung an andere Fachstellen) Frauen und deren Familien aus dem ganzen Kanton Thurgau, unabhängig von Konfession und Nationalität, können sich bei der professionell geführten Beratungsstelle melden. Die Beratungen sind unentgeltlich. Die tef betreibt in Romanshorn die „Wohnen auf Zeit“-Wohnung: Personen, die vorübergehend eine Wohnmöglichkeit brauchen, können hier zu einem moderaten Zins vorübergehend eine möblierte 2-Zimmerwohnung mieten. Wir freuen uns, dass es dieses wichtige Angebot in Romanshorn gibt und möchten dies mit unseren Gaben unterstützen.

 

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